Jahrgang 
85 (1982) / N.S. 36
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Das Judasgericht auf Zypern

Von Walter Puchner, Athen

Auf der Großinsel Zypern wurde noch in diesem Jahrhundert,wie im gesamten Raum des hellenophonen Ostmittelmeers, ¹) amOstersonntag oder an den darauffolgenden Tagen die Judaspup-pe verbrannt.2) Zuvor wurde sie laut verflucht, ³) an einen Pfo-sten gebunden) oder aufgehängt, 5) mit Stöcken geschlagen, bissie aufplatzte; 6) meist aber wurde sie mit Pulver gefüllt und inBrand geschossen. 7) In einem bemerkenswerten Falle wird nach-her mit großem Ernst die Marienklage von den Umstehenden ab-gesungen.8)

Dieser Brauch war nicht nur in den Dörfern zu sehen, sondernauch bis etwa 1930 in den bürgerlichen Zentren der Insel, wo dieFigur, wie z. B. in Nicosia, von Handwerkern besonders sorgfäl-tig ausgestattet wurde( Kopf aus Wasserkürbis, mit heißem PechEselshaare als Schnurrbart aufgeklebt, Haar, Hut und Mantel,Maske, in der linken Hand die 30 Silberlinge, die rechte Handverlangend nach ihnen ausgestreckt), auf einen Esel gesetzt undam Ostersonntag vor der Messe im Prangerumzug durch dieStadt geführt wurde; hinter der Figur saß ein Mann auf dem Esel,der sie vor dem Herabfallen bewahrte und so tat, als weine erüber ihren zukünftigen Verlust; ein Kind zog den Esel, eine Lau-te und eine Violine begleiteten den Schandzug; man machte beiClubs und Kaffeehäusern halt, alle Türen öffneten sich, um den Judas zu sehen; die Leute warfen Münzen in eine Sammel-büchse; am Ende wurde die pulvergefüllte Figur an das Eisenge-länder des Kirchgartens gebunden und unter dem Jubel der Men-ge in Brand geschossen.)

Der Brauch wird von Ohnefalsch- Richter bereits gegen Endedes vorigen Jahrhunderts, offenbar in einer Blütephase, gesehen

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