Der Teufel mit dem Sündenregister
Zu einer barocken Kalendergeschichte aus Österreich( Mit einer Abbildung)
Von Oskar Moser, Graz
Seit Stith Thompsons Indizierung und Robert Wildhabers weit-schauender Stoffzusammenfassung ist das Sagenmotiv vom„ Teu-fel in der Kirche“, das schon der Berliner Forscher JohannesBolte mit seiner überlegenen Quellenkenntnis behandelt hatte, ¹)sowohl als Bildthema wie auch als Erzählstoff in der europäi-schen Ethnologie und Volkskunde bekannt und vielfältig wahr-genommen worden. 2) Bereits ein Jahr nach Wildhabers bahn-brechender Gesamtdarstellung hatte Leopold Kretzenbacher densogenannten„ Teufelsadvokat“ des steirischen BarockmeistersJosef Thaddäus Stammel( 1695-1765), eine Beifigur zu dessen, Vier letzten Dingen“ in der Bibliothek des BenediktinerstiftesAdmont, als hierher gehörige, barocke Darstellung des„ Schrei-berteufels" erkannt und in die Zusammenhänge von„ Predigt-märlein, Kirchenkunst und barocker Klosterlegende“ einzuord-nen vermocht.³)
In der Tat scheint dieser Stoff zunächst vor allem in Ordens-kreisen und als einfaches Predigtexempel weite Verbreitung ge-funden zu haben.4) Von hier dürfte er ja auch ausgegangen sein,und hier findet er sich als bisher früheste sichere Textquelle inden Sermones vulgares des Jacques de Vitry( um 1180-1254) wieauch im Speculum historiale, dem 4. Teil des SammelwerkesSpeculum majus, des französischen Dominikaners Vinzenz vonBeauvais( 1184/ 1194- um 1264).5) Wir finden jedoch gerade dieVersion des letzteren auch noch in der Predigt- und geistlichenErbauungsliteratur des späten Barock im bayerisch- österrei-
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