Jahrgang 
85 (1982) / N.S. 36
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Sankt Expeditus, der Heilige der elften Stunde"

Legende, Ikonographie und Kulturgeschichte um die Verehrungeines, sonderbaren Patrons in dringenden und verzweifeltenAngelegenheiten"

( Mit 7 Abbildungen)

Von Elfriede Grabner, Graz

Zu meinen frühen Kindheitserinnerungen zählt eine Begeben-heit, die mir heute noch sehr deutlich vor Augen steht: Als ichnach Abschluß meiner Volksschuljahre im südburgenländischenGrenzland, das freilich damals dem Reichsgau Steiermark" zu-geteilt war,in der Gauhauptstadt Graz meine Aufnahmeprü-fung in die Mittelschule machen sollte, war mir doch, trotz einesschönen Abgangszeugnisses, vor der Prüfungsprozedur in der großen Stadt" recht unheimlich zumute. Meine Mutter, der diePrüfungsangst ihrer kleinen Tochter nicht entgangen war, führtemich daher am Tag vor dem großen Ereignis in die Grazer Fran-ziskanerkirche, wo auf der linken Seite, unweit vom Hauptein-gang, in einem Glasschrein eine große, farbig bemalte Holzstatueeines römischen Soldaten stand, mit silberglänzendem Brustpan-zer, grünem Unterkleid und leuchtend rotem Mantel. In derHand hielt der Krieger ein Kreuz, auf dem das mir damals nochnicht verständliche lateinische Wort hodie stand, während seinlinker Fuß einen schwarzen Vogel niederhielt, der im Schnabelein Spruchband trug, auf dem die Worte cras, cras zu lesenwaren. Dies sei der heilige Expeditus, erklärte mir meine Mutter,und ich solle ihn vertrauensvoll anrufen und um seine Hilfe

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