Wilhelm Theopold, Votivmalerei und Medizin
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Kulturgeschichte und Heilkunstim Spiegel der Votivmalerei. Verlag Karl Thiemig, München( 1978), 172 Sei-ten, reich illustriert mit Farb- und Schwarzweißrepros, Groß- 4º( 33 × 26 cm).,, Was die Votivmalerei besonders reizvoll macht, ist die ständige Begegnungvon Himmel und Erde, die immer wiederkehrende Vereinigung von Szenen ausder irdischen und der himmlischen Welt und die unaufhörliche Verknüpfung vonWirklichkeit und Wunder. Ich kenne keine Kunst, in der dieses Thema so unab-lässig variiert wird"( S. 30). In dem prächtigen und sich zunächst als Bildersamm-lung anbietenden Großband läßt schon der vorstehende Satz aufhorchen. In derTat beschäftigt sich hier ein vordergründig medizin- geschichtlich interessierterArzt mit einem keineswegs einfachen Sachthema, auf das er selbst erst durch einAltöttinger Mirakelbuch in einem Antiquariat fast zufällig gestoßen war. Sein gutfaßlich und allgemein verständlich geschriebener Text zeigt neben den vortreffli-chen Bildwiedergaben, daß sich der Verfasser ganz bewußt an ein breites und kul-turgeschichtlich interessiertes Leserpublikum wendet und daher keinen Anspruchauf eine letzte wissenschaftliche Ausschöpfung dieses großen Themas, geschweigedenn auf Vollständigkeit erhebt. Umso bemerkenswerter erscheint mir indessendie umfassende und fundierte Darstellung desselben, die darin jedenfalls über dieheute so beliebte„ Vermarktung" volkskundlicher Stoffe durch die Verlage undüber die dabei groß aufgemachten, leider aber oft sehr oberflächlichen Bild- Groß-bände hinausgeht. In dieser Hinsicht bietet der schöne Band, wie es mir scheint,nicht nur medizinhistorisch eine interessante und bemerkenswerte Zusammenfas-sung, sondern mit seinen umrahmenden Kapiteln zugleich eine gute und leichtfaßliche Einführung in das Gesamtphänomen des volkstümlichen historischen Vo-tivbildes.
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Der Verfasser hat dazu die wichtige und reichlich vorhandene volkskundlicheLiteratur mit herangezogen. Er übernimmt Leopold Schmidts These vom Ur-sprung des eigentlichen Votivbildes aus dem Stifterbild und Epitaph des Spätmit-telalters( S. 14), sucht einen Überblick über die„ ältesten Votivbilder" in deut-schen und italienischen Landen zu geben( S. 47-52), wobei man freilich Bilderaus Mirakelzyklen( Altötting) hier nicht direkt anziehen wird können( S. 50).Schwierigkeiten bedeuten für den Verfasser z. T. die Bildinschriften und Abbre-viaturen mit ihrer Auflösung. Bemerkenswert sind ferner noch die Hinweise auf,, moderne Votivtafeln"( S. 52-54). Auch was W. Theopold sonst einleitend überBegriff und Herkunft des Votivbildes, über dessen Zusammenhänge mit dem Pa-tronats- und Wallfahrtswesen seit dem Mittelalter sowie über die besonderen„ Ei-genarten der Votivmalerei" vorbringt( Gnadenstrahl Darstellungsmittel Ge-bärden verschiedene Perspektiven Krötensymbolik- brennendes Herz-Schlangensymbolik) und was er über die Geschichte der„, Heilkunst im Spiegel derVotivmalerei“ als seinen Hauptabschnitt hinaus über die vielfältigen Inhalte undreligionsgeschichtlichen Aspekte dieses Genres mitteilt( Gefahren im bäuerlichenAlltag Naturgewalten- Mord und Brand Tortur und Züchtigung VomTode), ist für die Volkskunde beachtenswert, deren Erkenntnissen er sich in vie-lem anschließt, wenn er dazu gelegentlich auch meint, sie seien„ für unsere Be-trachtung von geringerer Bedeutung“( S. 14). Hervorzuheben ist allein schon dieWiedergabe und ausführliche Besprechung der vielen Bildbeispiele, unter denennicht nur solche aus Bayern, sondern auch interessante Beispiele aus der Schweiz( Niederrickenbach, Emmetten), dem schwäbischen Raum, aus Österreich und
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