Die zungenlosen Steinlöwen deralten Aspernbrücke in Wien
Von Karl Teply
Es gibt bekanntlich auch Stiefkinder der Wissenschaft. In derVolkserzählforschung sind es die„ Denkmalsagen“. Obgleichnicht weniger echte Stadtsage als das alte Erzählgut um die ehr-würdigen Stadtwahrzeichen, sind die von den im Zeitalter des Hi-storismus geschaffenen Denkmälern erzählten Geschichten kaumjemals als Sage empfunden und noch seltener der Aufzeichnunggewürdigt worden. Das Versäumnis ist heute weitgehend nichtmehr gutzumachen.
Leopold Schmidt, der darauf eindringlich hingewiesen hat, ¹)führt als Beispiel an:„ Vor einigen Jahrzehnten wußte jedes Wie-ner Kind, das im Bereich des Donaukanals lebte, daß den stei-nernen Löwen an der Aspernbrücke die Zungen fehlten. DerBildhauer, der sie vergessen, sollte sich nach der Erzählung derErwachsenen deshalb das Leben genommen haben.❝2)
Einstens ein solches an der„ Kleinen Donau“ aufgewachsenesKind, erinnere ich mich nicht nur, diese Geschichte von meinemVater, einem Kunstgießermeister, gehört zu haben, sondern auchihres von den Wächterlöwen der Kettenbrücke in Budapest undihrem Schöpfer, János Marschalkó, erzählten Pendants. Ich findees in der Sammlung„ Treppenwitz der Weltgeschichte“ wieder.³)
Es erscheint mir keine Frage, daß die Budapester Denkmalsa-ge das unmittelbare Vorbild für die Wiener Geschichte abgege-ben hat. Der Budapester liebt„ seine“ Kettenbrücke mit demganzen Stolz, den er auch sonst für seine Stadt empfindet. Nichtnur, weil sie ihre Mitte eindrucksvoll bezeichnet. Sie steht an derWiege der modernen Großstadt. Mit ihrer Erbauung 1842 bis
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