Zur Interdependenz von Literatur und
Volksdichtung
Von Leander Petzoldt
In einer bisher unveröffentlichten handschriftlichen Familien-chronik aus Windsheim an der Weser, die mir vor einigen Jahrenfreundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, ¹) findet sich un-ter dem 1. April 1815 folgender Eintrag:
Dieser Monat fing mit sehr schöner Witterung an, in den Städ-ten pflanzten und säeten die Menschen schon Bohnen, Erbsenund Wurzelsamen. Im Umfange dieses Monats schlug in dem na-he bey Minden gelegenen Dorfe Barkhausen eine Mutter ihreneigenen Sohn tot. Sie wußte zwar nicht, daß es ihr Sohn sei, dasrechtfertigt sie aber doch nicht und sie muß wahrscheinlich durchHenkershand wieder sterben. Er war nämlich aus Rußland wie-der nach Hause gekommen wohin er mit der französischen Ar-mee hatte marschieren müßen, giebt sich aber seinen Eltern nichtzu erkennen, sondern holt von dem Vorsteher ein Billet, quar-tiert sich da ein, sagt aber dem Vorsteher daß er der Sohn ausdem Hause sey, giebt seiner Mutter am Abend einen Beutel mitGelde, worin 500 Rthl, gewesen sein sollen, in Verwahrung, legtsich in die Stube auf ein gemachtes Strohlager und in der Nachtals er im Schlafe ist, steht die Frau auf und schlägt ihn tot, ver-scharret ihn darauf im Mist und als der Vorsteher des Morgenskommt und will mal hören, wie es ihm geht, sagt die Frau, er seylange weg. Da sagt der Vorsteher, daß es ihr Sohn sey, da fälltsie in Ohnmacht und als sie sich erholt hat gestehet sie den gan-zen Vorfall.
Es handelt sich um eine Version der Sage von den„ Mord-eltern" bzw. der„ Mordherberge“( AT 939 A), deren volkslied-hafte Varianten Erich Seemann zusammenstellte²) und deren ge-samter Überlieferung Maria Kosko eine grundlegende Untersu-chung widmete.³)
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