Jahrgang 
85 (1982) / N.S. 36
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Beobachtungen zu Pompeo Sarnellis,, Posilecheata" oder zum neapolitanischenMärchen im ausgehenden 17. Jahrhundert

Von Felix Karlinger

Erfolg und Mißerfolg von Texten der Literatur und der Volks-erzählung gehören zu den schwer ergründbaren Geheimnissender Literaturgeschichte. Aber zwischen jenen Erzählkomplexen,die sich in kurzer Zeit über die Welt ausgebreitet haben, und je-nen, die kaum entstanden der Vergessenheit zu verfallen be-stimmt waren, liegen Texte, die zwar eine gewisse lokale Bedeu-tung erlangten, aber über den heimischen Bereich hinaus keineVerbreitung erfuhren.

Zu dieser letzteren Gruppe gehört die Posilecheata von Sarnel-li, und man fragt sich gegenüber ihrem Schicksal, ob sie etwa soentscheidend schlechter gewesen sei als die Märchen Basiles, daßihre Existenz lange im Dunkeln bleiben mußte. Auch bei Kapazi-täten der Märchenforschung fahndet man vergeblich nach Auf-schluß über diese Geschichten, die zwar deutlich in der Nachfol-ge der Cunto de li cunti" des großen Vorgängers stehen, aberdoch mehr, variatio als imitatio darstellen. War die Zeit fürbarocke Märchen vorbei, als die Texte Sarnellis ein halbesJahrhundert nach jenen Basiles gedruckt wurden? Aber demsteht entgegen, daß die eigentliche Märchenflut mit der Mme.Aulnoy und mit Perrault erst ein Jahrzehnt später einsetzen soll-te. Stand ihnen ihr Idiom im Wege? Doch das NeapolitanischeSarnellis ist eher leichter denn schwerer gegenüber Basile zu le-sen. Ist die Erzähltechnik weniger volkstümlich oder faszinie-rend? Auch hierzu läßt sich lediglich sagen, daß sie zwar wenigerbombastisch und metaphernreich ist, daß dafür jedoch eine ge-wisse natürliche Anmut und Verspieltheit Sprache und Stil durch-zieht.

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