Jahrgang 
85 (1982) / N.S. 36
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Armenische Märchen. Herausgegeben von Isidor Levin in Verbindung mit UkuMasing. Übersetzt von Gisela Schenkowitz. Eugen Diederichs Verlag, Düs-seldorf- Köln 1982.

Dieser Band bedeutet nicht eine Ausgabe zusätzlich zur Flut der heute erschei-nenden Märchentexte, sondern ein vorbildliches Exemplar, das in gleichem Maßefür den Forscher wie für den Leser willkommen ist. Daß es sich um eine ausge-zeichnete Auswahl handelt, wird keinen überraschen, der den Namen Levin alsden eines der führenden modernen Spezialisten im Bereich der Volkserzählungund des Volksliedes kennt. Der Band besticht sowohl durch die Frische und Le-bensnähe der Texte, die sehr geschickt übersetzt sind, wie auch durch die guteLesbarkeit des außergewöhnlich umfangreichen Nachwortes, das über 40 Seitenumfaßt.

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Man erhält in diesem Epilog einerseits eine gestraffte und doch informationsrei-che Einführung in die Geschichte Armeniens und in die religiöse und kulturelleVergangenheit dieses Landes, und anderseits bietet er ein Lehrstück der volks-kundlichen Forschung. Es wird nicht abstrakt und distanziert vom Märchen abge-handelt, die Erzählungen des Bandes werden in die Natur, in die Landschaft hin-eingestellt und der Bezug zu Erzählern und Zuhörern herausgeschält. Zweifelloshat Armenien eine extrem bewegte Geschichte hinter sich; das Land hat durch dieKriege seiner Nachbarn oft gelitten, und seinen Bewohnern waren große Leidenauferlegt. Es grenzt an ein Wunder, daß sich die Armenier ihren Eigencharakterund ihre Volkskultur haben erhalten können, und es spricht für ihre Vitalität, wiesie inmitten so unterschiedlicher Zivilisationen und Kulturräumen Geschichte undGeschichten ausprägen konnten. Gerade an auch bei uns bekannten Märchenkann man die Differenzen ablesen, in denen sich die Eigenwilligkeit armenischenErzählens widerspiegelt. Es finden sich aber auch etliche Texte, die uns motivischfremd sind. Eine besonders merkwürdige Variante stellt vielleicht Nr. 12 DerZimmermannssohn" dar, in dem sich altes Märchengut mit dem Material christli-cher Apokryphen wie es dem Rezensenten nur aus dem äthiopischen Bereichbekannt ist- vermischt. Christliche Reminiszenzen sind latent mehrfach spürbar,aber neben den heterogenen religiösen Elementen spielen auch die unterschied-lichsten Motive und Requisiten herein: Es entsteht jedoch kein Konglomerat,sondern ein ausgewogener neuer Stoff. Bereits manche Titel lassen ahnen, wieweit die Erzählungen räumlich sich ausdehnen: Die Tochter des hinterindischenChinesenkaisers", Die Geschichte vom Sohn des Schah Abbas"; daneben stoßenwir auf das in ganz Europa geläufige Motiv der Vorherbestimmung des Schicksalsin Nr. 21: Was geschrieben stehtgilt."- Auf Kreta hat man es so formuliert:,, Was in den Sternen geschrieben steht, ist unauslöschlich." Wir erfahren nicht nuraus Levins Nachwort, sondern auch aus vielen Texten selbst, wie Austausch vonGestalten christlicher und mohammedanischer Glossar ::: zum Glossareintrag  mohammedanischer Provenienz erfolgen kann, so etwatritt an die Stelle des( Todesengels) Asrail der Erzengel Gabriel. An der Grenzedes Menschlichen stehen die Heiligen, die aus dem Jenseits kommen können,wenn sie inbrünstig angebetet werden( S. 266). Häufiger jedoch treten altirani-sche Vorstellungen zutage, wie in den Gestalten Visap und Dev, die dämonischeZüge tragen.

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Wichtig ist vor allem Levins Erkenntnis: Was heute dem Leser als nationalesSondergut vorkommen mag, zeigt sich bei eingehender Prüfung als regionale und

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