Der hl. Franz von Assisiin Volksfrömmigkeit und religiöser
Volkskunst
Von Leopold Schmidt+
Die grundlegende Tatsache, daß der Heilige von Assisi mit sei-nem Leben und Wirken das Mittelalter zweigeteilt und seinerzweiten Hälfte die Möglichkeit einer städtisch- bürgerlichenFrömmigkeit über einer mystischen Grundlage gegeben hat, läßtsich aus den Zeugnissen der Volksfrömmigkeit, wie sie im19. Jahrhundert zu sammeln begonnen wurden, kaum erken-nen.¹) Was das 14. und 15. Jahrhundert an volkstümlichen Zeug-nissen dieser Art gekannt haben mag, ist so gut wie verschwun-den und hat jedenfalls kaum weitergewirkt. Die Reformation be-kämpfte vor allem die Franziskaner und entzog ihnen den Bodeneines gewissen selbstverständlichen Vertrauens, das sie vorherimmerhin zwei Jahrhunderte lang besessen haben mögen. Mantrachtete sehr energisch danach, sie als unbedeutend, unwissendherauszustellen. Von ihrer Frömmigkeit, die im 13. Jahrhundertso ungemein stark gewirkt hatte, hielt man nichts mehr. BurkardWaldis etwa hat mit seinem„ Esopus“ eine der bissigsten Satirender Reformationszeit drucken lassen, 1548, welche diese Einstel-lung aufs deutlichste zeigt. Waldis setzt seine boshafte Abneigungin der Form einer bissigen Anekdote vor, in der er behauptet,der hl. Franziskus warte seit seiner Himmelfahrt immer noch amHimmelstor auf den zweiten Franziskaner, der in den Himmelkomme es kommt aber keiner mehr.2)
Die Gegenreformation versuchte seit dem Ende des 16. Jahr-hunderts, diese Abneigung zu überwinden und den Franziskaner-orden wieder zur Geltung zu bringen. Dazu trugen sicherlich be-deutende Prediger aus dem Franziskanerorden selbst bei, die auf
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