Die einzelnen Märchen und Sagen mögen jeweils bekannt sein. Wer sie tatsäch-lich erzählt hat, geht aus dem kurzen Vorwort nicht weiter hervor, das nur eineneinzigen Gewährsmann, den Reinhold Huttarsch aus Wachtl, nennt. Dabeimüssen manche Stücke ja doch erzählt worden sein, sie stehen hier noch in mund-artlichen Fassungen. Aber da wird einfach nichts dazu gesagt. Nur bei den Sagenfindet Benzel manchmal einige erläuternde Einleitungssätze für notwendig, sobeim ,, Hehmann“ oder bei den ,, Hexen". Kein Hinweis darauf, ob und wo die be-treffenden Stücke schon veröffentlicht sein mögen, oder auch ihre Gegenstücke,von Nachweisen in Form von Typennummern oder ähnlichen Behelfen ganz zuschweigen. Man muß sich also das ganze Buch anhand der doch ziemlich umfang-reichen älteren deutsch- böhmischen Sagenliteratur selbst aufschließen. Das wirdman in den einschlägigen Instituten wohl tun müssen. Normale Bibliothekenhaben im allgemeinen weder Mitarbeiter noch Mittel, um solche Nacharbeiten zuverrichten.
Selbstverständlich kann es sich auch um ein spezielles Heimatbuch, eine Er-innerungsliteratur für Heimatvertriebene handeln. Aber selbst in einem solchenFall wäre irgendein Hinweis auf Vorläufer, Quellen usw. vielleicht doch Sache derDankbarkeit gewesen.
Leopold Schmidt+
Heinz Rölleke, Westfälische Sagen. Gesammelt und herausgegeben.318 Seiten, mit zahlreichen Abb. im Text. Düsseldorf und Köln 1981, EugenDiederichs Verlag. DM 28,-.
1967 ist die zweite Auflage der„ Westfälischen Sagen“ in der gleichen Reihedes Eugen Diederichs- Verlages erschienen, von Paul Zaunert herausgegeben.Nunmehr erscheint ein Band mit dem gleichen Titel, jedoch von dem Professorder Germanistik und Volkskunde an der Bergischen Universität Wuppertal, HeinzRölleke, der sich schon vielfach mit Themen der Volkserzählung beschäftigthat. Vermutlich hat der Verlag damit das alte Buch von Zaunert gewissermaßenersetzen lassen.
Der Band enthält 350 Sagen, und sie sind nicht etwa aus dem Volksmund„ ge-sammelt“, wie der Titel auszudrücken scheint, sondern durchwegs aus den altenSagensammlungen, die es seit etwa anderthalb Jahrhunderten für Westfalen schongibt. Sie sind in einem guten Literaturverzeichnis angeführt, zu jeder Sage ist dieQuelle genau nachgewiesen. Die Sammlung ist dem Charakter der GroßlandschaftWestfalen entsprechend landeskundlich angelegt, das heißt nach den Sagen, diesich allgemein auf„ Land und Leute" beziehen, folgen die Aufzeichnungen ausdem Münsterland, aus Tecklenburg und dem Osnabrücker Land, aus dem Landzwischen Minden und Teutoburger Wald, aus dem Paderborner Land, wo dieLegenden besonders stark vertreten erscheinen, und schließlich aus dem west-fälischen Ruhrgebiet. Ein Ortsregister erschließt den reichen Bestand. Kommen-tar gibt es keinen, Motivregister auch keines. Aber ein Kommentarband müßtewohl auch ungefähr so umfangreich sein wie der Textband selbst, und wäre bei
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