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88 (1985) / N.S. 39
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Das vorliegende Werk fällt insofern aus der Reihe, als es weder eine Parodie aufdie KHM versucht-- wie es bereits Legionen gibt- noch die altertümliche Sprachezu modernisieren versucht. Im Gegenteil: Der altertümliche Sprachduktus mit sei-nem Gemisch von neugotischem Butzenscheibenstil und biedermeierlicher Aus-drucksweise wird akkurat imitiert; verändert und oft auf den Kopf gestellt ist hinge-gen die inhaltliche Gestaltung. So läßt etwa gleich das erste Märchen der BremerStadtmusikanten nicht vier Tiere als Helden auftreten, sondern an ihre Stelle werdenMenschen gesetzt. Freilich ist dieser Zug der Anthropomorphisierung nicht durch-gehend in allen Geschichten durchgeführt.

Es ist stets interessant, welche neuen Züge sich den KHM abgewinnen lassen. Imvorliegenden Band geschieht diese Umsetzung in der seriösen Absicht, die KHM zuretten: Nur so, glaube ich, kann man pädagogisch verantwortbar das Kulturgut, Grimms Märchen' auch heute noch Kindern und Jugendlichen vermitteln( Nach-wort für Erwachsene, S. 227).

Man kann zu dieser Verfremdung, einer Verfremdung urtümlicher Volksmär-chen, stehen wie man will, kritische Gesichtspunkte werden je nach dem pädagogi-schen, psychologischen und volkskundlichen Standort verschieden ja wider-sprüchlich ausfallen; der Versuch bleibt interessant und bei aller Problematik dis-kutabel.

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Das gilt auch für die originellen Illustrationen, die auf einen jugendlichen Leser-kreis zugeschnitten sind.

Ein Anti- Grimm als Pro- Grimm: seltsam.

Felix Karlinger

Volker Klotz, Das europäische Kunstmärchen; Fünfundzwanzig Kapitel sei-ner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. Stuttgart, Metzler, 1985,XII, 412 Seiten.

Dem Stuttgarter Literaturwissenschaftler ist ein interessantes Buch gelungen, dassich gut liest und auch für die Volkskunde höchst wichtig ist. Dabei sei gleich( ohneSchadenfreude) vermerkt, daß auch Klotz, wie mancher Vorgänger, auf der Ba-nanenschale ,, Märchen" ausgerutscht ist( der Rezensent reibt sich gedankenverlorendie Beule am eigenen Hinterkopf). Der Kardinalfehler liegt- von Lüthi angefangen- darin, in den KHM oder im mitteleuropäischen Volksmärchen, wie es uns aus dem19. und 20. Jahrhundert bekannt ist, auf den eigentlichen Typus dieses labilen Gebil-des zu schließen. Dabei wird übersehen, daß es sich um teilweise degenerierte Rest-substanzen der Volkserzählung, um eine ausgeprägte Spätstufe dieses Genres han-delt. Mag Dienstbier auch gelegentlich mit seinen Formulierungen übers Ziel hin-ausgeschossen haben, so muß man ihm doch zustimmen, wenn er meint:,... seine( id est des Volksmärchens) typologischen Identitätskriterien sind nicht mehr an sei-ner gegenwärtigen Gestalt ohne weiteres ablesbar, weil letztere eine totale Deforma-tion darstellt."( Peter Dienstbier, Carlo Gozzi, Jean Cocteau und die Identität desMärchens, Ursachen und Zustände typologischer Deformation beim Märchen in sei-ner Entwicklung bis zur Gegenwart. Salzburg 1975, S. 5.)

Im Modell des Volksmärchens geht zwar Klotz von nur teilweise zutreffendenVorstellungen aus, aber seine Charakterisierung des Kunstmärchens wird von sol-chen Maßstäben und Vergleichen nicht betroffen, und gerade dieser Versuch, das

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