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88 (1985) / N.S. 39
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Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine germanistische Dissertation, diean der Universität Graz angenommen worden ist. So stehen Kriterien und Akzenteim Vordergrund, welche volkskundlichen Aspekten weniger Rechnung tragen kön-nen. Zweifellos handelt es sich um eine methodisch sauber durchgeführte undbemühte Studie, die nur dadurch etwas verwirrend wirkt, daß sie einfach von Mär-chen spricht, wo eben das Buchmärchen gemeint ist.

Hinsichtlich der psychoanalytischen Interpretationsmöglichkeiten hat Spörk klareDeutungen erzielt und die bereits vorliegenden Ansätze fortgesetzt, ohne sich zusehr in Einseitigkeiten zu verlieren. Problematisch bleibt lediglich die zu sehr domi-nierende Beschränkung auf den Grimmschen Text und das Fehlen gegensätzlicherZüge in der Behandlung der gleichen Motive in anderen Fassungen. Hier bleibt dasErgebnis beschränkt auf eine literarische Fixierung, und die hinter dem Text stehen-den Sinnzusammenhänge mit ihrer variablen Breite bleiben außerhalb der Untersu-chungsmöglichkeiten.

Man kann der Autorin kaum zum Vorwurf machen, daß wie auch die Bibliogra-phie( S. 266-280) zeigt ihr Werke der ausländischen Erzählforschung nurbeschränkt zugänglich gewesen sind, doch hätte sie dann auch darauf verzichten sol-len, auf romanische Quellen einzugehen. Hier bestehen Lücken und ungenaueAngaben.

Das Kapitel Zum Märchenstil der Brüder Grimm( S. 229-233) ist etwasknapp ausgefallen und trägt vor allem der Ausbildung von Sprache und Stil zuwenigRechnung.( Siehe hiezu meine Broschüre Les contes des Frères Grimm-- Contri-bution à l'étude de la langue et du style", Paris/ Fribourg 1963, welche Spörk wohlübersehen hat.) Gerade im Vergleich zu anderen Behandlungen der gleichen Mär-chenmotive kommt dabei die Eigenart der Erzähltechnik der Grimm besondersdeutlich zum Ausdruck.

Problematisch auf Grund der zu weit gehenden Verallgemeinerung ist das Kapitel Zur Rezeption der Märchen( S. 234-236), weil diese Frage eben ohne Kenntnisseim Bereich der Feldforschung nicht beantwortbar ist. Die von Spörk ausgedrückteThese: ,, Die bei der Grimmschen Sammlung eintretende Tendenz, auf Kinder Rück-sicht zu nehmen, wird im Rahmen der zunehmenden Pädagogisierung der Einflüsse,denen Kinder bewußt ausgesetzt werden, zur allgemeinen Forderung an Kinderlite-ratur." Sowie ,,... das, Volksmärchen ist zum, Buchmärchen geworden istpraktisch unhaltbar, zumindest in dieser Formulierung. Außerhalb des deutschenSprachraumes- und sogar innerhalb deutscher Sprachinseln- konnten Texte ausden KHM durchaus wieder zu Volksmärchen werden.

Sieht man von derlei Einschränkungen ab, so vermag das Buch sicher gute Zubrin-gerdienste zu leisten, und es mag den Psychologen neben den Germanisten mancheHinweise zu vermitteln.

Felix Karlinger

Burckhard und Gisela Garbe, Der ungestiefelte Kater. Grimms Märchenumerzählt. Göttingen, sage& schreibe, 1985, 228 Seiten, 9 ganzs. Illustrationen.Das Grimm- Jahr hat nicht nur in einem Hauptarm des Stromes zahlreiche Ausga-ben und Studien mit sich gebracht, sondern in Seitenarmen fließen auch noch man-cherlei andere Publikationen mit.

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