folgenden Seite steht genau das Gegenteil, nämlich daß durch die Konfektionsindu-strie die kleidungsbedingte Klassentrennung weitgehend aufgehoben ist. Und- sosieht es die auctorielle Weltanschauung- Oberschichtenkinder durften Schnür-stiefel tragen, die Unterprivilegierten mußten barfuß gehen-, wassowohl ein Orthopäde als auch das Oberschichtenkind sehr begrüßt hätte! Aller-dings war das Barfußlaufen tatsächlich sehr markantes Zeichen der Armut: ,, DieseSchilderung(...) faßt zusammen, was Armsein bedeutete: vor allem der Mangel anSchuhen“( S. 141). Ob es nach all diesem zufällig ist, daß im Register zwar keine derfür das Kleidungsverhalten doch sehr wichtigen Farben auftaucht, dagegen jedochder Name Willi Brandts?
Rainer Wehse
Elsa E. Gudjónsson, Traditional Icelandic Embroidery( Traditionelleisländische Stickereien). Reykjavik Iceland, Verlag Iceland Review, 1985, 96 Sei-ten, 64 farbige Abbildungen, 24 Schwarzweißmustertafeln.
Schon das Inhaltsverzeichnis dieses Buches- in englischer Sprache geschrieben- macht den Leser neugierig, da es sehr klar und weit gefaßt ist. Es beginnt mit einerallgemeinen kurzen Geschichte von Island, die in unseren Breiten weitgehend unbe-kannt ist. Danach werden unter dem Überbegriff Geschichte und Technik Sticke-reien aus verschiedenen Jahrhunderten gebracht. Sie stammen vor allem aus Kir-chenschätzen. Die im täglichen Gebrauch gewesenen Nadelarbeiten haben sichgenau wie im übrigen Europa nicht erhalten, so daß man von den vorhandenengestickten Paramenten auf die Kunst der Stickerei schließen muß.
Es geht der Verfasserin nicht nur darum, die historischen und formalen Problemefestzustellen, sondern auch die Art der Technik herauszuarbeiten, die anregend inunserer Zeit wirken soll. So erfolgt die Gliederung und Einordnung der einzelnenObjekte des Isländischen Nationalmuseums nach den verschiedenen Sticharten.Hier nun liegt ein Problem für den deutschsprachigen Leser, da die Bezeichnungenin isländischer Sprache angegeben sind und im folgenden Text mit den englischenTermini erläutert werden. Wir wissen, daß in den verschiedenen Teilen des deut-schen Sprachgebietes immer wieder andere Namen für die altbekannten Stiche auf-tauchen.
-
Dieses Problem hat die Verfasserin eine international bekannte Expertin aufdiesem Gebiet- in vorbildlicher Weise gelöst. In Diagrammen hat sie die einzelnenStiche in ihrer praktischen Durchführung dargestellt, so daß auch Laien ohne Kennt-nisse der englischen Sprache sie nacharbeiten können. Die einzelnen Stiche, wieStiel-, Ketten-, Kreuz-, Spaltstich, sind leicht zu erkennen. Interessant sind die vie-len Variationen des Flachstiches in den einzelnen Jahrhunderten, die mit Überfang-stichen oder rhythmisch nebeneinander gesetzt Anregungen vermitteln. Selbst-verständlich wird auch die Stickerei mit Goldfäden in Form der Anlegetechnikdargestellt. Aber eine Bezeichnung fällt aus dem uns bekannten Rahmen heraus.Mit dem Namen„ Sprang" wird in diesem Buch die Filetstickerei wiedergegeben,wobei wir unter Sprang- aus der schwedischen Terminologie übernommen- einebestimmte Schlingtechnik, mit der Nadel, ohne einen Stoff als Untergrund, ausge-führt, verstehen.
288