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88 (1985) / N.S. 39
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Literatur der Volkskunde

Hubert Ch. Ehalt( Hg.): Zwischen Natur und Kultur- Zur Kritik biolo-gistischer Ansätze(= Kulturstudien bei Böhlau Bd. 4). Wien 1985, 413 S.Der vorliegende Band behandelt das dialektische Verhältnis, in dem menschlichesVerhalten steht, nämlich das Spannungsfeld biologischer und kultureller Bedingun-gen. Daneben wird versucht, eine Kritik biologistischer Ansätze zu liefern, wie sieneuerdings in den Natur- ebenso wie Kulturwissenschaften auftreten.

Es spricht für die Loyalität des Herausgebers der aktuellen Thematik gegenüber,daß die einzelnen Autoren einander widersprechen und nicht eine Reihe polemi-scher ,, antibiologistischer" Sentenzen vorliegt. So schreibt etwa H. Ehalt davon, daßder ,, Historiker den Biologen, Genetiker und Mediziner( braucht), um die grundle-genden biologischen Komponenten des Wachstums- und Reifungsprozesses( usw.)kennenzulernen umgekehrt Mediziner und Biologen Hilfestellung durch denHistoriker( brauchen), um Informationen über schicht-, gruppen- und epochenspe-zifische Lebensverhältnisse zu erhalten( S. 96); dagegen hält es K. Liessmann für,, nahezu anachronistisch, von einer Natur des Menschen zu sprechen( S. 196). Erortet in der heutigen Zeit einen, schmerzlich spürbaren Naturverlust( S. 197), dereiner geschichtsphilosophischen Evolutionstheorie Vorschub leiste, fragt aberbezeichnenderweise nicht nach dem Grund dieser schmerzlichen Betroffenheit.Hier aber beginnt erst das Problem, beginnt erst die, sicherlich ideologieträchtige,ethologische Problematisierung von Erziehungsprogrammen, die den Menschenfortwährend überfordern" können( Eibl- Eibesfeldt) mit ihren schmerzlichenResultaten.

Der Soziologe Girtler versucht es auf eine andere Art. Er will den einige Seitenvorher von R. Kaspar unternommenen Versuch der Einebnung des methodologi-schen Gegensatzes zwischen Natur- und Geisteswissenschaften durch den ebensosimplen wie richtigen Einwand torpedieren, jede geschichtliche Erscheinung( sei)einmalig( S. 229). Sein Angriff geht jedoch daneben, nicht nur, weil kein Biologeje die Einmaligkeit historischer Vorgänge bestritten hätte, sondern weil diese Ein-maligkeit selbstverständlich auch jedem physikalischen Experiment zukommt. DasProblem ist nicht die Einmaligkeit, sondern vielmehr die Gesetzlichkeit- und dieist bei komplexer Materie, wenn überhaupt, so ungleich schwerer zu finden; das giltfür die Volkskunde im Prinzip genauso wie für die Elementarteilchenphysik.

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