Volume 
88 (1985) / N.S. 39
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Beurteilung und Einschätzung von jenen Märchentypen, die man mit Begriffen wie,, Kunstmärchen, Buchmärchen und Individualmärchen nur unzulänglichumschreiben kann, sieht Fehling hingegen die Verhältnisse richtig. Die Problematikliegt jedoch darin, in Märchen aus zweiter Hand solche der ersten Hand sehen zuwollen.

Mit dieser Schwierigkeit haben freilich nahezu alle Kongresse und Symposien zukämpfen, die mangels alter Originalaufnahmen- wie viele gibt es schon aus dem 18.Jahrhundert? Ich kenne eine einzige- sich mit Rekonstruktionen begnügen müssenoder die eben die KHM als Märchen schlechthin in den Mittelpunkt stellen und zurRichtschnur nehmen.

Die in fast jeder Mythos- Diskussion spürbare irrationale Angst vor dem Irrationa-lismus wird besonders deutlich aus dem Beitrag von Petzoldt ablesbar. Der Gegen-satz Logos- Mythos reicht freilich noch weiter und kann hier nicht Gegenstand einerInterpretation sein.

Jedenfalls darf man sagen, daß der gehaltvolle Band viele interessante Aspektebietet und daß er sowohl zum Kern des Themas wie zu den Problemen seiner Peri-pherie allerhand zu sagen weiß. Wünschenswert wäre zu einem solchen Band freilichein Register, welches das enthaltene Material aufschlüsselt und leichter zugänglichmacht.

Felix Karlinger

Juan Manuel Cacho Blecua und María Jesús Lacarra: Calila e Dimna. Edición,introducción y notas. Madrid, Editorial Castalia, 1984, 408 Seiten, 10 Abb.

Vom altindischen Fabelbuch Pañcatantra, von dem heute noch in Indien zahl-reiche Stücke in der Oraltradition im Umlauf sind, gibt es mehrere Versionen, die jenach ihrer Funktion entweder den lehrhaften Charakter oder das unterhaltendeElement akzentuiert haben. Der Einfluß war auch auf die europäische Volks-erzählung sehr stark, besonders im Mittelmeerraum. Syrische Übersetzungen rei-chen ins 6. Jahrhundert zurück, arabische ins 8. Jahrhundert. Die arabische VersionKalila wa Dimna fand in Spanien eine starke Resonanz im 13. Jahrhundert, teilsunmittelbar, teils auf dem Umweg über hebräische Übersetzungen, die wieder insLateinische übertragen worden sind.

Die beiden Herausgeber der vorliegenden spanischen Edition sind ausgezeichneteKenner der älteren spanischen Literatur. In ihrer 86 Seiten umfassenden Einleitungteilen sie mit Akribie mit, was auf Grund der Forschungen sich heute über die Quel-len der spanischen Texte sagen läßt. Sie folgen mehr den volkstümlichen Eigenhei-ten, die verständlich machen, warum dieser große Stoffkomplex einen so starkenWiderhall auch in der mündlichen Überlieferung hat finden können.

Von den acht Kapiteln der Einleitung ist neben jenem der Quellenkunde für dieVolkskunde vor allem das fünfte Kapitel El arte de narrar( die Kunst des Er-zählens) wichtig, zeigt es doch durch Detailanalysen die Eigenart des Stils und dasRaffinement von Spannung und Lösung. Weiter zeigt Kapitel 6 die Rezeption vonCalila e Dimna im weiteren Bereich der mittelalterlichen Literatur.

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