halb des Dorfes nach, wodurch sich die soziale Struktur gewandelt hat. Die nach demZweiten Weltkrieg zugewanderten Flüchtlinge sind größtenteils in den fünfziger Jah-ren wieder weggezogen. Sie wurden also nicht zu einem bestimmenden Faktor beider Aufgabe der Tracht. Die Verfasserin untersucht aber gerade die Gründe, die dieFrauen bewogen, ihre seit den Kindertagen gewohnte Kleidung, die noch ein voll-ständig wirksames kommunikatives Zeichen in der Dorfgemeinschaft darstellte,abzulegen. Nicht das Fehlen von Trachtenmaterial nach dem Krieg, sondern eineganze Reihe von einwirkenden Faktoren haben dazu beigetragen, daß es in Mardorfimmer weniger„ Trachtenfrauen" gibt: Die wachsende Mobilität, das damit verbun-dene Auffallen außerhalb des Dorfes und das Angestauntwerden, ja sogar Verlacht-werden, also das Unverständnis der Umwelt; weiters praktische und medizinischeGründe, aber auch finanzielle Motive haben viele Mardorferinnen bewogen, sichstädtisch zu kleiden. Die Tracht wird als unpraktisch empfunden, ja als gefährlich beider Arbeit mit den modernen Maschinen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß auchjene Mardorferinnen, die die Tracht abgelegt haben, noch sehr genaue Vorstellun-gen von dem haben, was zur Tracht„ gehört“.- etwa die richtige Frisur-, obwohl inden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine größere Zahl von Neuerun-gen in die Tracht aufgenommen wurde, an sich ein Zeichen für eine lebendigeTracht, im Gegensatz zur konservierten oder folklorisierten Tracht, in der man sichzu bestimmten Anlässen„, verkleidet".
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Verfasserin allen Problemen nach-geht, die die Umstellung mit sich bringt, etwa einer anfänglichen Unsicherheit, Kri-tik und Zustimmung anderer Dorfbewohner und von Familienangehörigen, denSchwierigkeiten mit der ungewohnten Kleidung und mit der ungewohnten Frisur.Heute steht auch die Mardorfer Tracht offenbar am Beginn der Folklorisierung, dernostalgisch- verklärten Betrachtung vor allem durch jene, die einst selbst Tracht tru-gen, sie aber keinesfalls mehr täglich anziehen würden.
Mir scheint die Arbeit für die weitere Forschung ganz wesentliche Ansatzpunktezu liefern, die von der rein formalen Aufzeichnung wegführen und die Tracht imSinne der Volkslebensforschung für die Erhellung des sozialen Gefüges einerGemeinschaft nutzbar machen. Jeder, der sich mit Tracht beschäftigen will, wird dieArbeit mit Gewinn lesen!
Die Benützung wird durch ein klar gegliedertes Inhaltsverzeichnis, ein ausführli-ches Literaturverzeichnis und die in einem Anhang zusammengestellten Ergebnissevon verschiedenen Erhebungen und dem Wortlaut der Fragebogen erleichtert.Maria Kundegraber
Prefazione Enrica Delitala.
Chiara Samugheo, Costumi di Sardegna.Cagliari, L'Unione Sarda, 1984³, Folio, 211 Seiten.Innerhalb von drei Jahren hat dieser fototechnisch prächtig gestaltete Band dreiAuflagen erlebt. Neben vielen ähnlichen Ausgaben zeigt das vorliegende Bucheinmal mehr die außerordentlich vielseitige und unterschiedliche Gestaltung undFarbenpracht der sardischen Volkstrachten. Kaum in einer zweiten Region Europassind bei oft benachbarten Gemeinden so differierende weibliche Trachten zu be-obachten. Das hängt vor allem auch vom unterschiedlichen Kultureinfluß, der durchJahrhunderte auf diese Insel eingewirkt hat, ab.
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