wie Hans Schnurr sagt:„ Jetzt bin i siebzig, aber i kann die Viecher net sei lassa.(...)Wenn du halt so dreneigwachsa bischt..." Heidi- Barbara Kloos schildert ihreBeobachtungen ohne Sentimentalität, genau und einfühlsam, ohne journalistischeSensationslust, aber mit viel Anteilnahme. Und diesem Prinzip folgen auch die 70Farbfotos von Wolfgang Staiger, die aus einer Bildreportage hervorgegangen sindund neben unerhört malerischen Naturaufnahmen Einblicke in die tägliche Wirk-lichkeit des Schäfers Hans Schnurr und seiner Umgebung bieten.
Eva Kausel
Gitta Böth, Kleidungsverhalten in hessischen Dörfern. Der Wechsel vonder Frauentracht zur städtischen Kleidung 1969-1976 am Beispiel Mardorf. ZumRückgang der Trachten in Hessen(= Europäische Hochschulschriften, ReiheXIX Volkskunde/ Ethnologie Abt. A Volkskunde, Bd. 18), Frankfurt am Main,Bern, Cirencester/ U.K., Peter D. Lang, 1980, VII, 302 Seiten, Abb.
In Hessen ist in besonderer Weise das Studium der Trachten und ihrer Trägergrup-pen auch noch heute möglich. 1936 machte Mathilde Hain mit ihrer Untersuchungvon Mardorf auf das intakte ,, Trachtenleben" dieses Dorfes aufmerksam. Aber auchin anderen katholischen und evangelischen Dörfern und Landschaften Hessens isteine starke Differenzierung bis zum späten Ablegen der als Tracht empfundenenKleidung erhalten geblieben. So konnte auch die in dieser selbständigen Publikationvorliegende, bei Ingeborg Weber- Kellermann gearbeitete Marburger Dissertationauf persönliche Erhebungen zur jüngsten Entwicklung traditionsgebundener Klei-dungssitten aufbauen.
Die Verfasserin bietet zunächst einen Überblick über die verschiedenen hessi-schen Trachtenlandschaften und legt dann das Hauptaugenmerk auf das Ablegender Tracht in Mardorf innerhalb eines kurzen Zeitraumes, der umso genauer erfaßtwurde. Gerade in einer Gemeinschaft, in der die Tracht noch„ Zeichen für die öko-nomische, soziale und kulturelle Differenziertheit ihrer Trägergruppe“( S. 3) bis indie jüngste Vergangenheit war, läßt sich der Wandel gut ablesen, und die Hinter-gründe für diesen Wandel in einer Deutlichkeit erhellen, die anderswo nicht mehrerreichbar ist. Zudem wird in Mardorf nicht der Versuch gemacht, die Tracht durch,, Erneuerung", das bedeutet durch Angleichen von Formen, Materialien und derArt des Tragens an moderne Bekleidungsgewohnheiten zu„ retten", was bedeutet,sie von außen her zu beeinflussen. Sie wird nach dem Ablegen, nach der Aufgabe derselbstverständlich befolgten Bekleidungssitte wohl noch in Vereinen und bei Trach-tenfesten angezogen, zu Symbolen hochstilisiert, ihre aus der Trägerschicht heraus-kommende, an die Normen des Gemeinschaftslebens gebundene Entwicklung istjedoch abgeschnitten. Es scheint aber, daß man sich in Mardorf der Tatsache der,, Verkleidung in Tracht“ durchaus bewußt ist, wenn eine Frau, die sich schon städ-tisch kleidet, ihre Tracht zu einem Trachtenfest oder ähnlichem Anlaß wieder her-vorholt. Diese Tatsachen bilden die günstige Voraussetzung für die wissenschaftli-che Betrachtung der gestellten Aufgabe, wie sie anderwärts nicht mehr möglich ist.Der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchung entspricht zudem dem Erinnerungsbe-reich der befragten Frauen.
Mardorf ist heute kein Bauerndorf mehr, die meisten Grundbesitzer wurden zuNebenerwerbslandwirten, ein Großteil der Ortsbewohner geht einem Beruf außer-
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