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88 (1985) / N.S. 39
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,, Gründonnerstag und Erge- tag". Man dürfte kaum fehlgehen in der Annahme,daß sich mit dem WBO von der lexikalischen Seite her ein neuer großer und sehrpraktikabler Querschnitt durch die gesamte geistige wie materielle ,, Volkskultur"Österreichs abzeichnet, sicher ganz anders, aber in seiner breiten Anlage doch wie-der vergleichbar dem erst jüngst abgeschlossenen Österreichischen Volkskunde-atlas. Das freilich nur für alle jene, die gelernt haben, ein solches Wortlexikon richtigzu lesen und zu benutzen.

Oskar Moser

Yu. V. Bromley, Theoretical Ethnography. General Editorial Board forForeign Publications Nauka Publishers. Moscow, 1984, 264 Seiten.

Eine Hilfe beim näheren Kennenlernen der Bestrebungen und Methoden in dersowjetischen Ethnographie leistet das Buch von Yu. V. Bromley, dessen Wesen sichauf den Kreis des Begriffes Ethnos konzentriert. Seit Jahrzehnten beschäftigt dierussischen Ethnographen die Frage des Ethnos. Es soll hier genügen, wenn ich michauf die Arbeiten von S. M. Shirokogoroff berufe, welche zum größten Teil auch inenglischer und deutscher Sprache vorliegen. W. Mühlmann ist es zu verdanken, daßdie westliche Welt mit der Ethnos- Theorie von S. M. Shirokogoroff bekannt werdenkonnte( W. Mühlmann, Methodik der Völkerkunde, Stuttgart, 1938), Yu. V. Brom-ley ist jetzt weitergeschritten. Der Verfasser betrachtet jene Kulturgemeinschaft alsEthnos, die sich selbst ebenfalls dafür hält und damit einen Unterschied zwischensich und anderen ähnlichen Gemeinschaften trifft. Charakteristikum des Ethnos ist,daß die Kultureinheit ihrer Mitglieder von ihren psychischen Ähnlichkeiten unab-trennbar ist. Kein einziger Ethnos ist ewig und unabänderlich. Der gleiche gesell-schaftlich- ökonomische Typ von auf einem breiten Raum lebenden Völkern ist nichtidentisch mit ihren ethnischen Gemeinschaften. Dies wurde in der westlichen Volks-kunde schon früher folgendermaßen definiert: Die kulturellen Erscheinungen über-schreiten die Sprachgrenzen oder erreichen diese nicht. Bromley ist auch jenenökologischen Faktoren nicht abgeneigt, die die Kultur ausmachen, doch er lehntauch die Bedeutung der geschichtlichen Beziehungen nicht ab. Seine Arbeit läßtjenen Gedanken S. M. Shirokogoroffs durchblicken, wonach jede VeränderungGeschichte ist. Im System von Ethnos und Kultur spielen die Verwandtschafts-formen eine große Rolle, in erster Linie die Endogamie und die Exogamie. DieEndogamie stabilisiert Ethnos und Kultur in ihrer Herausbildung. Vom endogamenoder exogamen System kleinerer ethnischer Gemeinschaften wird viel gesprochen,ohne daß dabei bemerkt wird, welch große Rolle eben diese Systeme auch im Lebender Nationen der Jetztzeit, so z. B. in der Sowjetunion, spielen. Wir müssen nämlichwissen, daß auch die Beziehungen nicht biologischen Charakters die Eigenschaftendes Ethnos beträchtlich beeinflussen. Bromley führt mehrere Beispiele dazu an, daßsich unter gleichen natürlichen Verhältnissen nicht unbedingt ähnliche wirtschaft-lich- gesellschaftliche Typen herausbilden, weil die einzelnen Gemeinschaften diegleichen Quellen auf unterschiedliche Weise nutzen können. Bei der Veränderungdes Ethnos spielt das Wirken des inneren Informationssystems eine große Rolle.

Die kulturelle Informationsmaterie( richtiger Informationsaufbau) des Ethnos iststets sehr vielschichtig. Und in diesem Aufbau placieren sich neben den neuenÜberlieferungen auch solche historische Schichten, die zur Zeit der Herausbildungdes Ethnos entstanden sind. Diese Annahme Bromleys zeigt- gewollt oder un-gewollt-,wie wichtig die historischen Untersuchungen sind. Entscheidend sind

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