Literatur der Volkskunde
Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich( WBO). Herausgegeben vonder Kommission für Mundartkunde und Namenforschung der ÖsterreichischenAkademie der Wissenschaften, 23. Lieferung( 1. Lieferung des 4. Bandes). Wien,Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1984, Spalten 1bis 192.
Mit dieser 23. Lieferung eröffnet das WBÖ in bemerkenswert rascher Folgebereits seinen vierten Band, und zwar mit dem Buchstaben D, T bis zum Stichwort,,( Erge) tag". Wir konnten ja erst kürzlich anläßlich des Erscheinens der 22. Liefe-rung( 1983) auf den außergewöhnlichen Informationswert jenseits aller sprach-wissenschaftlichen und dialektologischen Zielsetzungen dieses in großer Breiteangelegten Mundart- Wörterbuches hinweisen.*) Das bestätigt uns bei genauererDurchsicht auch die vorliegende 23. Lieferung in mehrfacher Hinsicht, wobei natur-gemäß durch die ungewöhnliche Fülle an vermitteltem Stoff wohl in jedem interes-sierten Leser Eigenerfahrungen geweckt und weitere Fragen angestoßen werden,sicher mit ein Zeichen dafür, daß dieses WBO in seiner schier unerschöpflichenMaterialfülle und Worterschließung tatsächlich„ greift". Wie bisher schon schöpftbeides einerseits aus dem wörterbucheigenen, umfassend aufgearbeiteten„, Haupt-katalog" und aus verschiedensten Ergänzungssammlungen wie aus den in großerBreite eingearbeiteten und bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden literarischenund historischen Quellen, so daß hier nicht bloß sprachwissenschaftlich, phonetisch,grammatikalisch und onomasiologisch, sondern auch sachgeschichtlich, kulturhisto-risch und nicht zuletzt volkskundlich ein bisher kaum greifbares lexikalisches Mate-rial beigeschafft und aufgeschlossen erscheint.
Schon von der Onomasiologie her ergeben sich auch für uns bemerkenswerte undbisher eigentlich kaum greifbare Aufschlüsse, nimmt man etwa Artikel wie„ ,, dâ, dârusw."( Sp.3-15) oder„ Tag"( Sp. 97-144), auf welch letzteren der Volkskundler ausmehrfachen Gründen verwiesen sei, weil ja gerade hier sich auch mannigfaltigeEigentümlichkeiten in Mentalität und Volkscharakter der Menschen des heutigenund des alten Österreichs darbieten. Wir huldigen damit keineswegs einem flachen,positivistischen„ conceptual eclecticism", sondern glauben vielmehr, daß sich hiermanches neue und moderne Betrachtungsfeld aufreißen ließe.
Demgegenüber wird man freilich auch vielerlei Sachaufschlüsse mit Gewinn undNutzen registrieren. So finde ich etwa schon im genannten Artikel„, dâ, dâr...“ dieschroff ablehnende Nasenweisungsgebärde gerade hier( Sp. 6-7) gut belegt undbeschrieben und als Variante dazu die„ Feige" zum„ Zeichen derber Abweisung".*) ÖZV XXXVIII/ 87, Heft 1, Wien 1984, S. 80-81.
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