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88 (1985) / N.S. 39
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Frauen in der Volkskunde

1. Tagung der Kommission ,, Frauenforschung" in der Deutschen Gesellschaft fürVolkskunde am Ludwig- Uhland- Institut in Tübingen vom 2. bis 4. November 1984

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Neue Impulse sind für jede Wissenschaft von immenser Bedeutung. Denkan-stöße, Frage- und Infragestellungen fordern eine Dynamik, die nicht immerbequem sich gegen Erstarrung wendet und damit lebendige Forschung hervorbrin-gen kann. Sie ist einmal notwendig, um kulturelle Prozesse in einer Gesellschaft zuerkennen, hindert den( die) Wissenschaftler( in) am gemütlichen Zurücklehnen undverlangt von ihm( ihr) immer wieder die Auseinandersetzung mit seinem Sujet.

In diesem Sinn ist die in Berlin gegründete Kommission Frauenforschung" derDGV und ihre erste Tagung in Tübingen mit dem Thema Frauen in der Volks-kunde zu verstehen. Zwei Interpretationsmöglichkeiten klingen dabei an: Die Frauals Forschende( Subjekt), und die Frau als Forschungs ,, objekt. Dem erstenAspekt, der die Situation der Wissenschaftlerin in einer traditionell männlichenDomäne beleuchtet, war zwar kein spezieller Vortrag gewidmet, die Präsenz und dieDringlichkeit dieser Thematik brachten jedoch die Diskussionen häufig zutage:Analysen persönlicher und gesellschaftlicher Faktoren( meist aufs engste verstrickt),die für die häufige weibliche Absenz auf akademischen Boden verantwortlich sind,stellten sich als großes Anliegen der Teilnehmerinnen heraus.

Nicht nur Austausch von Erfahrungen auf diesem Sektor motivierte uns( 10 Gra-zer Volkskundlerinnen) dazu, dem alljährlichen Gräberbesuch fernzubleiben undnach Tübingen zu fahren, sondern auch die Frau als zu Erforschendeeine positiveProvokation für die Wissenschaft- stand im Mittelpunkt unseres Interesses. Es kon-kretisierte sich in den Ansätzen, Fragestellungen und Blickpunkten der einzelnenReferate. In 13 Blöcken wurde von Magisterarbeiten, Dissertationen und Projekt-studien berichtet.

Eine Besprechung aller Referate würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen;es fehlt auch die Notwendigkeit dazu: Als wichtig erachteten wir gerade bei dieserTagung den inhaltlichen und methodischen Tenor und nicht die Aneinanderreihungvon Einzelergebnissen. Die Referentinnen gingen durchwegs von der Tatsache aus,daß die Geschlechterbeziehung sich als ein wichtiges Strukturelement der Gesell-schaft erweist und so wie diese einem soziokulturellen Wandel unterliegt. Wenigerdas Thema selbst als vielmehr die Forschungsansätze und Fragestellungen bringenneue Anregungen in die Volkskunde. So gingen die Forscherinnen zum Beispielbeim Fastnachtsumzug oder beim Verein- traditionell stark männlich dominiertenPhänomenen- von einer geschlechtsspezifischen Blickrichtung aus, indem sie dieRolle der Frau bzw. ihre Nicht- Rolle untersuchten. Der gesellschaftlichen Realitäteinmal auf diese Art und Weise näherzukommen, erwies sich auch bei vielen ande-ren Projekten, wie Gastarbeiter, Landarbeiter usw., als fruchtbar.

Viel Zeit räumten die Teilnehmerinnen der Methodendiskussion ein. Es wurdevor allem empirisch, also im Feld" gearbeitet. Die Hochkonjunktur der Quantifi-zierung scheint überwunden zu sein. Besonders auf dieser Tagung kam deutlich zumAusdruck, daß offene, nicht standardisierte Interviews der Forschungsausrichtungadäquat sind. Nicht nur die befragte Person, sondern auch die fragende wird als In-dividuum in den Forschungsprozeß miteinbezogen. Diese qualitativen Methodenstellen keine Neuerkenntnisse dar, doch wurde versucht, die eigene Erfahrung als

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