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88 (1985) / N.S. 39
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,, Holzkirchen in Böhmen, Mähren und der Slowakei"Sonderausstellung im Ethnographischen Museum Schloß Kittseevom 8. Dezember 1984 bis Ende Mai 1985

Erwähnt man das Wort Holzkirchen, denken viele an Norwegen, Nordrußlandoder Rumänien, und nur wenige wissen, daß in der Tschechoslowakei, hauptsächlichOstböhmen, Nordmähren, Schlesien( Teil ehem. Österreich- Schlesien), Nord- undNordostslowakei, noch rund 126 Holzkirchen erhalten sind, wobei die ältesten ausdem 15. Jh. stammen. Die Sonderausstellung bietet Einsicht in die Verbreitung,Entwicklungsgeschichte, Typologie, Techniken und Konstruktionen, Malerei undinnere Ausstattung dieser Bauwerke( der dazu erschienene Katalog umfaßt 43 Sei-ten mit 23 Abbildungen). Das umfangreiche Bildmaterial in Farbe besteht aus Auf-nahmen, die in den letzten vier Jahren auf wiederholten Reisen von Vera und FranzMayer entstanden sind und somit den gegenwärtigen Zustand und die aktuelle Le-benswirklichkeit dieser Denkmäler bezeugen. Auf dieser Grundlage einer gegen-wartsbezogenen Bestandsaufnahme wird zum ersten Mal eine wissenschaftlich er-läuterte Zusammenschau der slowakischen Holzkirchen östlichen Ritus' wie auchder fast unbekannten Kirchen katholischer und protestantischer Konfession inBöhmen, Mähren und Schlesien vermittelt.

Erstes wissenschaftliches Interesse für diese Architektur können wir in der imJahre 1856 in Wien gegründeten Zeitschrift für Denkmalpflege- Mitteilungen derK. K. Central- Comission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und histori-schen Denkmäler"- verfolgen. Bewundernswert, wieviel Gespür für diese Bauten,Überzeugung um ihre Bedeutung, das Streben um ihre fachgemäße Reparatur undErhaltung schon damals die Denkmalschützer, wie A. Wolfskron, F. Rosmael,J. Fejfalik, B. Gruber und viele andere, besaßen. Die schon in den ersten Jahr-gängen und während der ganzen zweiten Hälfte des 19. Jh. erschienenen Artikel undBerichte sind treu der positivistischen Methode, konzentrieren sich auf die äußereForm dieser Architektur und ihre formale Beschreibung. Die ersten volkskund-lichen Ansätze präsentieren am besten die kulturhistorischen Artikel von Č. Zíbrt inder 1895 in Prag gegründeten Zeitschrift Český lid". Was die Theorie betrifft,waren viele der Ansicht, daß die Holzkirchen als Überlieferungen der uralten,ursprünglichen und einheimischen volkstümlichen Holzbauweise anzusehen sind,einige suchten Parallelen bis nach Norwegen. J. Vydra ist z. B. in seinem Buch,, Lidové stavitelství na Slovensku/ Das volkstümliche Bauwesen in der Slowakei",Prag 1925, der Überzeugung, daß die Grundlage für die schöpferische Fantasie desVolkes beim Kirchenbau das bäuerliche Haus war".

In den zwanziger Jahren entfalteten sich in Böhmen heftige Diskussionen um dieFrage der Volkskunst. Es meldeten sich auch die Kunsthistoriker zu Wort, ummanche volkskundliche Ansichten zu, entmythologisieren. Die programmatischePublikation der Autoren L. Lábek, A. Matějcek und Z. Wirth Umění českoslo-venského lidu/ Die Kunst des tschechoslowakischen Volkes", Prag 1928, stützt sichauf H. Naumanns Theorie ,, des gesunkenen Kulturgutes". Sie trauen der Volkskunstkeine schöpferische Kraft zu, es handelt sich für sie nur um eine zweite Schicht derprofessionellen Kunstproduktion, zeitlich und stilistisch verspätet. Z. Wirth ver-sucht, dies im Fall der Holzkirchen durch Überlegungen den Bauherrn und Bau-meister betreffend zu untermauern( im Vorwort des Fotoalbums von B. Vavroušek,, Kostel na dědině a v městečku/ Die Kirche am Lande und in der Kleinstadt, Prag

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