Volume 
88 (1985) / N.S. 39
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Ist der Tisch ,, Nebensache" geworden?

Von Linde Schuller

( Mit 2 Zeichnungen)

Mein Tisch war das erste Stück Hausrat, das ich erwarb, als ichmich in jungen Jahren entschlossen hatte, seßhaft und ein gesitteterMensch zu werden. Von nun an, dachte ich, muß dein Dasein einefeste Mitte haben, eben diesen Tisch." Soweit Karl HeinrichWaggerl.

Anderseits: Vergangene Woche habe ich fünf verschiedeneMöbelhauskataloge unerbeten in Form von Postwurfsendungen indie Hand bekommen. Vielleicht ist jetzt die Saison dazu, vielleichthabe ich aber auch nur darauf geachtet, weil ich mich gerade mit derFunktion von Tischen im heutigen Leben beschäftigte. In vier derfünf Broschüren war kein Tisch angekündigt. In der fünften prangteein freistehender, verkleinerbarer, normal hoher Eẞtisch nebenzehn Wandverbauungen, sechs Schränken, acht Clubgarniturenund sieben Betten und Doppelbetten. Tische scheinen, seltener"zu werden.

Oder: Ein Waldviertler Dorftischler sagte: Tisch? Das hat manheute kaum mehr, und präzisiert den sonderbaren Ausspruch beinäherer Nachfrage dahingehend, daß bei ihm niemand Tische be-stellt. Tische, falls man sie braucht, erbt man, erwirbt sie unter derHand oder sie werden zusammen mit der modernen Zimmerein-richtung von der Fabrik geliefert. Wandverkleidungen, Truhen,Stellagen, Betten, Wand- und Abstellbretter, sogar Kasten undStühle dagegen werden laufend bestellt.

Ich habe mich gefragt: Läßt sich etwas vom Erwähnten verall-gemeinern? Ist der Tisch in letzter Zeit tatsächlich mehr Neben-sache" geworden?

45