Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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könnte hier durch aktuelle Feldforschung zumindest für die Gegenwart und even-tuelle Re- Studies empiriebezogen ausweiten, verifizieren oder falsifizieren. Und dasscheint notwendig, denn Neumann bemerkt selbst die höchst ungenügende Quellen-lage zur historischen Bedingtheit etwas so Ephemärem, wie es das Lachen über einePointe ist. Wegen dieser und anderer ungelöster Probleme hat er eine Darstellungs-und Argumentationsform gewählt, die im Vorführen und Analysieren von Beispie-len besteht ein kasuistisches Verfahren, das sich immer dann anbietet, wenn eineallgemeine Theorie nicht vorhanden, nicht akzeptiert oder nicht akzeptierbar ist.Rainer Wehse

Émile Turdeanu, Études de Littérature roumaine et d'écrits slaves etgrecs des principautés roumaines. Leiden, E. J. Brill, 1985, 509 Seiten.Versucht man, die Literatur eines Sprachraums zu den hypothetischen Anfängenzurückzuverfolgen, so landet man bei religiösen oder volkstümlichen Texten,zumeist bei einer Verbindung beider Erscheinungsformen, wie etwa bei den Merse-burger Zaubersprüchen. Bei den meisten balkanischen Nationen führt der Weg zufrühen Dokumenten nicht so weit zurück wie im Germanischen oder Romanischen.Im vorliegenden Band begegnen wir als archaischen Denkmalen Texten aus dem15. Jahrhundert.

Turdeanu erwähnt zu Recht die Nachbarschaft mancher Schriften zu den Volksbü-chern- wenn wir von reinen Kanzlei- Akten absehen. In minutiöser Arbeit hat ergesichtet, was für den rumänischen Raum an Materialien- zunächst in slavischemoder griechischem Idiom- vorliegt, und welchen Quellenwert diese Dokumente fürdie späteren rumänischen Texte besitzen. Daß auch Historisches und Kirchenge-schichtliches sich in manchen Büchern widerspiegelt, sei nur am Rande vermerkt,doch ist etwa der Niederschlag der Reformation auch für die Kenntnis der rumäni-schen Volksfrömmigkeit nicht unwichtig.

Für den volkskundlichen Leser gipfelt der Band in der Darstellung Turdeanus, diedem Volksbuch von Barlaam und Josaphat gewidmet ist. Der Autor bietet in siebenKapiteln einen Überblick sowohl über die verschiedenen Quellen und Fassungen,welche der Stoff in Rumänien gefunden hat, wie auch über seine Rezeption bis inunsere Tage. Als exzellenter Kenner der griechischen und slavischen Vorstufen-aber auch der romanischen Paralleltexte in ihren verschiedenen Varianten durch-leuchtet er Stil und Sprache ebenso wie funktionelle Detailfragen. Unter denrumänischen Dichtern und Schriftstellern, die sich mit dem Barlaam" beschäftigthaben, geht er besonders auf Eminescu und Sadoveanu ein. Dankbar ist man vorallem für eine übersichtliche Skizze mit der Filation der wichtigsten Fassungen.

Von den weiteren Kapiteln sind für unsere Disziplin besonders die dem Volks-buchforscher Cartojan gewidmeten Analysen von Interesse und Bedeutung.Cartojans Verdienste in der Bemühung um einen bis dahin vernachlässigten Aspektder Literaturforschung werden hervorgehoben, und an Hand von Cartojans Studiezur, Alexandria" sowie der Abgar- Legende, der Troja- Sage, der rumänischenUmformung der italienischen Fiore di virtù" und anderer Themenkreise aufgezeigt.Der Akzent liegt dann in einer Würdigung des zweibändigen Werkes von Cartojanüber die rumänischen Volksbücher. Turdeanu zeigt zugleich die kritische Stellung

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