Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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Die im späten 19. Jahrhundert aufkommende Konkurrenz bei Gebrauchsgeschirrvor allem seitens der Porzellanindustrie beeinflußte das Formengut der BunzlauerTöpfer. Hierarchie des Geschirrs", nennt Heidi Müller( S. 127) die soziale Diffe-renzierung in der Verwendung von Steinzeug-, Steingut- und Porzellangeschirr. DieSpaltung der industriellen Fertigung von der handwerklichen kommt zum Ausdruckin der Ablehnung der Verwendung von Gipsformen von seiten der Bunzlauer Töp-fer; auch in der Einrichtung einer Fachschule, eigentlich als eine Maßnahme zur För-derung des Bunzlauer Töpferhandwerks gedacht, deren Absolventen jedoch in denmeisten Fällen in der keramischen Industrie unterkamen, worauf der thematischeSchwerpunkt des Unterrichts langsam auf die Gestaltung industrieller Serienpro-duktion überging.

Sogar die Veränderungen nach 1945 durch die Teilung Deutschlands bleiben nichtunerwähnt( Heidi Müller: Bunzlauer Geschirr nach 1945"). Es war vielen, nament-lich genannten Töpferfamilien aus dem Kreis Bunzlau gelungen, in der Bundesrepu-blik wieder eigene Betriebe aufzubauen. Typische Formen mit Spritzdekor undSchwämmelmuster werden bis heute zur Erinnerung an die Töpferstadt Bunzlau( 1960) oder Nach Bunzlauer Art" hergestellt. Im ehemaligen Bunzlau, dem heutepolnischen Boleslawiec, fand die keramische Produktion nach dem Vorbild alterBunzlauer Geschirrform und Kunstkeramik ihre Fortsetzung in der staatlichenGenossenschaft CERPOL.

Letztlich hatte die Politik direkt in den Formenbestand der Keramikregion Nie-derschlesiens und der Oberlausitz eingegriffen. Das handwerkliche Erneuerungs-programm der frühen dreißiger Jahre, die Aktion Bunzlauer Braunzeug", wurdevom Ministerpräsidenten Hermann Göring in Auftrag gegeben( Göring- Service"1933). Während des Krieges war ein Kriegssortiment für normierte Braungeschirr-und Steinzeugherstellung in Deutschland wirksam. Die Vereinheitlichung verbandeine Beschränkung in der Herstellung auf 23 Gefäßformen, wogegen enorme Auf-träge an die Bau- und Industriekeramik zur Ausstattung von Heeresbauten gingen( Regine Falkenberg:, Bau- und Industriekeramik").

In sämtlichen Beiträgen werden kultur-, sozial- und technikgeschichtlicheAspekte einer Veränderung der Beziehung Mensch- keramisches Objekt berück-sichtigt. Daß vor allem der Katalogteil reichlich und zum Teil farbig bebildert undam Ende ein elfseitiges Markenverzeichnis mit über hundert Töpferzeichen ange-schlossen ist, erachte ich für private und öffentliche Sammlungen als wichtigesBehelfsmittel bei der Klassifikation von Bunzlauer Geschirr aus ihren eigenen Kera-mikbeständen. Vorliegendes Werk bietet eine äußerst anschauliche Art einer regio-nal und sachkundlich begrenzten volkskundlichen Dokumentation und ist als Vor-bild für Arbeiten über Keramik im österreichischen Raum sicherlich zu empfehlen.Claudia Wacha

Rüdiger Vossen, Wilhelm Eber, Marokkanische Töpferei. Töpferorte und-zentren. Eine Landesaufnahme( 1980) Bonn, Dr. Rudolf Habelt, 1986, 549 Seiten.Vorerst ist man etwas verwundert, daß sich hinter dem farbenprächtigen Einbanddoch nicht ein ebenso gestaltetes Gesamtwerk der im Titel angekündigten marokka-nischen Töpferei verbirgt, sondern die eher für Keramikspezialisten, landeskundigeEthnologen sowie Bearbeiter marokkanischen Keramikbestandes als für ein breitesPublikum gedachte Landesaufnahme, Kartierung und Beschreibung der Töpferorte

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