Wiener Bilderbogen im BiedermeierTheatralisches Spiel mit Raum und Bewegung*)
Von Reingard Witzmann
Ein guter Teil unserer heutigen Vorstellungen über die„ heileWelt" des Biedermeiers geht zurück auf die populäre Druckgraphikdieser Zeit. Denn ihre farbenfrohe Bilderwelt vermittelt dem heuti-gen Betrachter eine Ordnung des Kosmos und im Detail auch eineOrdnung des menschlichen Daseins. Doch die soziale Wirklichkeitstimmte mit dieser ,, Bilderwirklichkeit“ in vielem nicht mehr über-ein; so gab es z. B. nicht mehr die„ heile Welt“ der Bauern, viel-mehr zeichnen sich Verarmung, Landflucht und andere soziale Pro-bleme ab. Auch Fabriksszenen und Darstellungen von dem neuenStand der Arbeiter fehlen gänzlich auf den Bilderbögen.
Denn im Grunde war nicht nur ein wirklichkeitsgetreues Abbilddas Ziel des Künstlers beziehungsweise der Wunsch des Publikums,sondern all diese Alltagsszenen, Liebespaare und Bauernidylleerfuhren eine idealistisch- poetische Überhöhung, und die im Bie-dermeier bevorzugte Motivwahl und Darstellungsweise ist nurscheinbar realistisch. Ähnlich der österreichischen Erzählkunstjener Zeit wurde das Leben des„ kleinen Mannes um einer Verklä-rung willen" veranschaulicht.
Die Botschaft der Bilderbogenwelt war also in keine verschlüs-selte Bildersprache gekleidet, sondern das Vokabular war vielmehrallgemein verständlich: Die Alltagsszenen wurden übernommenfür die Darstellung von lebensvollen Symbolen für die entschei-
*) Dieser Aufsatz ist eine etwas umgearbeitete und gestraffte Fassung eines Vortra-ges, der anläßlich der Ausstellung„ Papiertheater" im Österreichischen Museum fürVolkskunde in Wien am 29. April 1986 gehalten wurde.
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