Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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originell und unbefangen mit den Augen der Kinder zu sehen und gleichzeitig alsErwachsene darüber zu reflektieren. Den meisten anderen Verfassern- wobeilediglich Hengst kritisch zu reflektieren und auch die Mängel des Bandes zu bemer-ken imstande ist scheint ein objektiver Zugang offensichtlich qua Ideologielastig-keit unmöglich. Für sie ist Kindheit eine durch Fremdbestimmung der Erwachsenensowie kapitalistische Produktionsmechanismen charakterisierte, eher negativePhase. Das Kind wird dergestalt als zum reinen Objekt der Erwachsenen degradiertund als verplant gesehen.- Wie üblich, sind auch keine Kriterien für eine alters-mäßige Eingrenzung des Kindheitsendes erarbeitet, so daß z. T. noch 16- bis 17jäh-rige dazugerechnet werden. Hengst ist daher zuzustimmen, wenn er für eine künftigesubjektorientierte Kinderforschung plädiert, die gesellschaftliche Transformations-prozesse genügend berücksichtigt. Das implizier[ e] beispielsweise die Reflexioneiner veränderten bzw. für die Identitätsarbeit reduzierte Bedeutung( ihrerseits ver-änderter) klassischer Sozialisationsinstanzen[...]( S. 302) um mit einem wahr-haft soziologischen Satz zu enden.

Rainer Wehse

Barbara Waß, Mein Vater, Holzknecht und Bergbauer.(= Damit es nichtverlorengeht.. 6) Wien- Köln- Graz, Böhlau, 1985, 216 Seiten.

Nicht nur die Wissenschaft, auch die Medien entdecken immer mehr den Reiz derAufarbeitung von Geschichte an Hand autobiographischer Erzählungen und Erin-nerungen. Eine Rundfunkreihe über die Lebensverhältnisse ländlicher Unterschich-ten hat Barbara Waß angeregt, das Leben ihres Vaters aufzuzeichnen und darüberhinaus in Gesprächen mit anderen Zeitzeugen zu ergänzen. Die von MichaelMitterauer herausgegebene Reihe Damit es nicht verlorengeht... hat es sich zurAufgabe gemacht, das Alltagsleben früherer Zeiten einem über den Bereich derWissenschaft hinausgehenden Publikum zu vermitteln; einige Bände wurden indieser Reihe bereits vorgelegt. In seinem Vorwort berichtet Mitterauer über dasZustandekommen dieses Buches und reflektiert über die Möglichkeit der Erfassungvon Alltagsgeschichte einer bestimmten Gruppe durch einen Forschenden, der auseben dieser Gruppe stammt. Sicher ist, daß die genaue Kenntnis des Untersuchungs-gegenstandes von äußerster Wichtigkeit ist, gerade bei der Methode des Interviews,der Oral- History. Nicht nur das Vertrauen der Gewährspersonen ist oft größergegenüber einem mit ihrer Welt Vertrauten, über ihr Leben zu erzählen, sondernauch die sicher notwendige Relativierung und Überprüfung kann nur ein Forschen-der leisten, der das Thema aus eigener Anschauung kennt. Gerade bei einzelnenLebensgeschichten fehlt sonst die Vergleichsmöglichkeit und läßt unter Umständenein Einzelschicksal als typisch erscheinen. Wie weit zu große Nähe zu Betriebs-blindheit führen kann, ist natürlich auch zu bedenken. Gerade in den USA sindkontroversielle Meinungen entstanden, die zur Frage führen: Kann nur ein Schwar-zer die Kultur der Schwarzen untersuchen oder auch für hiesige Verhältnisse-können nur Frauen Frauenforschung" betreiben?

Doch zurück zum vorliegenden Buch und zu einer weiteren Problematik, diem. E. für die Volkskunde von nahezu existenzieller Wichtigkeit scheint., Sohat etwa die Volkskunde dieses Milieu unter dem Aspekt der Gerätekunde gründlichanalysiert. Bei aller Wichtigkeit dieses Aspekts der materiellen Kultur macht er

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