des 19. Jahrhunderts, die das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Gefüge derBevölkerung neu ordneten.„ Im Schneckenhause" wird dies beispielhaft an einerBludenzer Familie und deren Abstieg in das„, Fabrikler“-Milieu dargelegt.
Es ist gerade diese Einbettung in das Alltägliche, das große Prozesse, wie die Indu-strialisierung, das Entstehen des Proletariats, das Ende der traditionellen Hauswirt-schaft und des Handwerks, die Amerikaauswanderung als letzter Ausweg und diestarke Arbeitseinwanderung italienischer Arbeiterinnen und Arbeiter ab 1870 erklä-ren helfen.
Beides wird von den Bearbeitern E. Haller und H. Wehinger in der Einleitungausführlich erläutert, die eine hervorragende Edition des ersten Bandes und v. a.auch eine intensive Quellenarbeit geleistet haben. Es wurde dem Buch weitgehendder Originalcharakter gelassen, der durch einen sehr guten, erläuternden Anmer-kungsapparat ergänzt ist. Zur weiteren Orientierung dienen ein Stadtplan von Blu-denz( dem Ort des Geschehens) und zwei genealogische Tafeln, die die Biographiesozial verorten lassen und schon einige der sozialen Probleme verdeutlichen, so etwadie hohe Kindersterblichkeit.
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Es ist die Qualität dieser Bearbeitung, die zu Kritik anregt. So scheint es nicht ver-ständlich, warum die Bearbeiter von der Parteibildung zu Lebzeiten Wichners spre-chen, die sich in einem ,, argen Maße" vollzogen hatte. Sicher, Wichners Konzeptionzur Lösung der sozialen Frage war eine höchst traditionelle, jedenfalls eine andere,als die der entstehenden Arbeiterbewegungen, der sozialdemokratischen als auchder christlich- sozialen. Er bezog sich auf eine„ höhere Gerechtigkeit“ und unter-stellte streikenden Arbeitern eine nur auf Geld ausgerichtete„ niedrige" Gesinnung.Trotzdem ist es wichtig festzuhalten, daß das von Wichner so plastisch geschilderteElend und das fehlende Mitspracherecht der Unterschichten nur mit deren Organi-sierung mit Parteienbildungen überwindbar waren. Ähnlich verhält es sich,wenn die Bearbeiter meinen, daß Wichner schon durch seine Lebenserfahrung dage-gen gefeit gewesen wäre, die soziale Frage ,, ideologisch" zu beantworten. Allerdingsist ideologisch hier zu eng gefaßt und bezieht sich ausschließlich auf marxistischeLösungsansätze. Natürlich war auch Wichner„ ideologisch", er war katholisch-konservativ. Dies schmälert keinesfalls wie die Bearbeiter befürchten- den Quel-lenwert seiner Schilderungen, ganz im Gegenteil: Wichners Aussagen sind damitquellenkritisch zugänglich und sie sind ein ausgesprochen wichtiges Zeugnis auchdafür, warum Vorarlberg, v. a. aber die Arbeiterschaft im Lande, in ihrer politi-schen Ausrichtung überwiegend katholisch geblieben ist.
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Es ist zu danken, daß der bisher als„, Insider"-Tip geltende Josef Wichner nun neuePopularität gewinnen dürfte, besonders dann, wenn auch die weiteren Ausgaben sosorgfältig und gründlich bearbeitet werden wie der erste Band.
Reinhard Johler
Mara Hećimović- Seselja, Tradicijski život i kultura ličkoga sela IvčevićKosa.( Traditionelles Leben und Kultur des Lika- Dorfes Ivčević Kosa.) Zagreb,Verlag des Museums der Lika in Gospić, 1985, 269 Seiten, 21 Fotos, 34 Zeichnun-gen auf Tafeln.
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