Nahrungsmittel und Naturheilkundeim Kontext sozialer Innovation*)
Von Rolf Schwendter
Das zentrale Problem dieser meiner Rede sehe ich darin, daß sie,eingemauert in den Widerspruch zwischen einem Zusammenfluẞdreier für sich schon ausufernder Themen und der knappen Ökono-mie der Zeit, nur den Extrakt eines Extraktes eines Extraktes abge-ben kann. Wenn Martin Scharfe, Gerhard Heilfurth folgend, dieTotalität von Volkskunde festmacht( und ich vollziehe hier gleichdie von Scharfe eingemahnte Umstellung der Definition) an denLebensäußerungen des Menschen in ihren wirtschaftlichen, sozia-len und beruflichen Gebilden und Prozessen, in den diesen entspre-chenden Familien-, Gemeinde-, Betriebs- und Arbeitsformen,ihren materiellen Objektivationen, wie Wohnweise, Hausbau,Kleidung, Gerät, Schmuck( und ich muß hinzufügen: Nahrung,Heilweise), schließlich ihren ideellen Objektivationen, wie Glau-ben, Kult, Recht, Sitte, Brauch, Kunst( und ich muß hinzufügen:Wünsche, Initiativen, Innovationen) so wird daraus ersichtlich,wie sehr es bei meiner folgenden Rede um ein sprachliches Gebildeholzschnittartiger Verkürzungen sich handeln muß.
Dies wird schon bei der Skizze der wirtschaftlichen und sozialenEntwicklungen beginnen, die gleichsam den Ist- Zustand der Nah-rungsmittelindustrie und des medizinisch- industriellen Komplexeshervorgetrieben haben, und, als ihre Negation, den Bezug zeitge-nössischer Subkulturen und Teilkulturen auf Nahrung als Heilung,auf Heilung als Nahrung. Ich muß nicht nur die zwei Jahrhundertealte Geschichte dieser Subkulturen systematisch ausblenden( Schlagworte: die Metapher des„ natürlichen Lebens“ der Auf-klärer; Naturheilbewegungen des 19. Jahrhunderts; Lebensreform-bewegung; Jugendbewegung), sondern auch alle Aspekte der
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