Die Kultur des Überlebens
Kulturelle Faktoren beim Umgang mit begrenztenRessourcen in vorindustriellen GesellschaftenMitteleuropas.
Eine Problemskizze¹)
Von Dieter Kramer
1. Einleitung: Definition des Themas
Angesichts aktueller Krisen wird immer häufiger die Fragegestellt, inwieweit kulturelle Faktoren und Orientierungen vonGesellschaften mitwirken bei der Sicherung von Überleben undZukunft. Zur Diskussion steht, ob die Menschen im Käfig vonSachzwängen und ökonomischen Mechanismen gefangen sind,oder ob sie in bewußter Gestaltung und Beherrschung ihrer Ent-wicklung wenigstens ansatzweise ihr gemeinschaftliches Leben per-spektivisch zu meistern vermögen. Zu der Diskussion dieser Fragevermag die volkskundlich- kulturwissenschaftliche Forschung diePhantasie durch historisches Material zu beflügeln.
Es ist leicht, über das zu berichten, was in der Natur die Men-schen im Laufe ihrer Geschichte bereits alles vernichtet, zerstört,ausgerottet haben. Hier soll es uns jedoch um die- zugegebener-maßen vielleicht selteneren Formen und Fälle gehen, in denendie Menschen trotz widriger und schwieriger Umstände und schein-barer Sachzwänge ihren Stoffwechsel mit der Natur überdauernd instabilen Kreisläufen organisierten. Es geht um die Formen, indenen sie lebten, ohne ihre Lebensgrundlagen zu zerstören. Undzwar interessiert uns primär, welche Rolle kulturelle Faktorendabei spielten: ²) Wichtig sind uns die qualitativen Beiträge des kul-turellen Systems nicht einfach zum Überleben, sondern zur nach-
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