Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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Giovanni Battista Bronzini, Homo Laborans, Cultura Del Territorio E MuseiDemologici. Galatina, Congendo Editore, 1985, 230 S.

Während im deutschsprachigen Raum der Umgang mit Sachen" wissenschaftlichund museographisch neu problematisiert und diskutiert wurde, gab es auch in Italieneine reichhaltige und interessante Auseinandersetzung über die Bedeutung dermateriellen Kultur, der Kultur der Objekte", der sich auch die italienische Volks-kunde im Erbe von Ernesto de Martino verstärkt zugewendet hatte. Teilergebnissedieser Umorientierung sind auch in Österreich rezipiert und vorgestellt worden,etwa das Konzept der lettura dell'oggetto" von Vittantonio Russo( Klaus Beitl,Dinge als Zeichen; in: Umgang mit Sachen). Dabei gibt es in Italien auch praktischeErfahrungen mit agrarhistorischen Museen, vor allem dem Museo della civiltà con-tadino" in San Marino di Bentivoglio bei Bologna, das international sowohl in derEntstehung als auch in der Präsentation als Vorbild gelten kann. Dieses Museum istdurch die Initiative einer Gruppe von Bauern der Emilia- Romagna, der Gruppodella Stadura, entstanden, die sich ihre eigene Geschichte kritisch wiederaneignenwollten und dabei zunehmend von Wissenschaftlern beraten wurden. Nicht nur dieInitiative, sondern auch der Aufbau der Ausstellung, die, architettura povera", istinteressant. Mit Geräten, Fotografien und erklärendem Text wird eine Ausstellungs-ordnung angestrebt, die die einzelnen Phasen des Produktionsprozesses in ihremAblauf darstellt. Es ist dies ein Gestaltungsprinzip, das als Vorbild und Maßstab fürandere dient. So auch im neuen Buch von G. B. Bronzini, des Leiters des, IstitutoDi Storia Delle Tradizioni Popolari" der Universität Bari. Es enthält eine Sammlungvon thematisch recht unterschiedlichen Aufsätzen und Referaten über die Einschät-zung der materiellen Kultur und die, metodologia demomuseale", deren Program-matik schon durch den Titel Homo Laborans", dem arbeitenden Menschen alsSchöpfer und Verwender der Objekte und somit der, cultura popolare" angegebenwird. Die anthropologische Sichtweise von Bronzini lenkt in der einleitenden theore-tischen Diskussion das Objektiv auf den arbeitenden Menschen, hier die bäuerlicheBevölkerung, und betont gleichfalls die Wichtigkeit der Ökonomie als Lebensgrund-lage und bestimmenden Faktor, wie auch des Territoriums als naturräumlicheUmgebung. Es ist dies eine durchaus fruchtbare, marxistisch fundierte Auseinander-setzung mit der materiellen Kultur und deren Einordnung in die Volkskultur, die inder Tradition Gramscis weiterdiskutiert wird.

Dabei ist Bronzini um eine genaue Begriffsbildung( cultura popolare, subalterneund hegemoniale Klasse usw.) bemüht. Vor allem die, Materialisierung" der Volks-kultur würden diese auch gleichzeitig historisch machen. Die Objekte sind so nichttot und in der Präsentation nostalgisch, da schon deren Erzeugung und Verwendungeine Geschichte, die menschliche, hat und deren Einordnung in die menschlichenLebens- und Produktionszyklen fruchtbar erscheint. Ähnlich interessant wird auchdie Beziehung der Menschen zu den Sachen Noi E Le Cose" hinterfragt.

Die daran anschließende interdisziplinäre Diskussion ist ebenso ein Verdienst die-ses Buches wie auch die zahlreichen praktischen Überlegungen zu Museumsgrün-dungen und-konzeptionen vorwiegend für die süditalienischen Provinzen Lucania,Pulien und die Basilicata. So ist z. B. der Versuch erwähnenswert, die Bauern undHandwerker als Protagonisten ihrer eigenen Geschichte in die Konzeption derMuseen miteinzubeziehen und diese, als lokale Zentren der Information und derAktivierung zu verstehen. Das Museum soll nicht unkritisches Zeugnis der Vergan-genheit, sondern wichtiger Punkt für die Begründung der Zukunft sein. Auf-

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