Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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herrschaftsgeschichtlichen, wirtschafts- und sozialhistorischen Aspekte in Verbin-dung mit dieser Speicherlandschaft besonders zu verweisen ist. Schepers bringtzunächst Beispiele für den an sich auch sehr altertümlichen Kleinspeicher, etwa dieKorbspeicher Südwest- und Südosteuropas oder die Sauerländer Haferkästen inSpundwerk oder Ständerbohlenbauweise. Aber gerade für Nordwestdeutschlandwie auch für die Niederlande und Nordfrankreich wuchsen diese Lagerbauten gleich-sam mit den tragenden grundherrschaftlichen Organisationen namentlich auf denAmthöfen, Schulten- und Unterhöfen empor zu mächtigen, als borg bezeichnetenReservatbauten. Mit seiner umfassenden Kenntnis der Baubestände besonders imnördlichen westeuropäischen Raum sucht er über die Amts-, Meier- und Erbenhöfe,deren rechts- und sozialgeschichtlichen Status zu verdeutlichen, der ihm dann hilft,,, die mehrsträngige Bau-, Funktions- und Sozialgeschichte auch des jüngeren turm-artigen bäuerlichen Speichers vor den größeren historischen Zusammenhängen undEntwicklungen zu durchleuchten. Seine bisherigen großen Darstellungswerke zuHaus und Hof in Westfalen und in Nordwestdeutschland wie in den Niederlandenliefern ihm nicht nur ausreichend Bestandsbeispiele solcher Bauten, Schepers faẞtsie hier erneut und gestrafft zusammen und unterscheidet sie nach fünf Aufbautypenvom Fachwerkspeicher mit Ständerschale bis zu den reich durchgebildeten Fach-werk- und Steinspeichern mit einem differenzierten Raumgefüge von Vorrats- undWohnräumen. Diesen bautechnischen Fakten stellt er jedoch dann im Hinblick aufihre funktionale Ordnung vier sehr unterschiedliche Verwendungstypen gegenüber,nämlich den reinen Speicher, den Fluchtspeicher innerhalb einer Graft, den herr-schaftlich erweiterten, bergfriedartigen Fluchtspeicher mit Besuchsraum sowie denneuzeitlichen Großspeicher mit Arbeits- und Wohnnebenräumen, die er nun je inausgewählten Beispielen mit allen baugeschichtlichen und Betriebseinrichtungenbehandelt. Dabei werden nicht zuletzt gerade die Speichertraditionen des Münster-landes in ihrer ganzen Eigenart und vor einem weiten, bis in das 10. Jahrhundertzurückgreifenden Hintergrund sichtbar, mit ihrer in mehrfachen Phasenschübenvom frühen Hochmittelalter bis in die Frühneuzeit erfolgten historischen Entwick-lung. Sicher läßt sich all das nicht etwa kurzschlüssig auf andere Speicherlandschaf-ten übertragen; aber wer sich je irgendeiner von diesen, sei es als Siedlungs- undHausforscher oder als Agrar-, Wirtschafts- oder Sozialhistoriker, zuwendet, derwäre gut beraten, wenn er den schmalen und überaus solide ausgestatteten Band mitseinen vielen interessanten Details zur Speichergeschichte zu Rate zieht.

Oskar Moser

Renate Brockpähler, Bauerngärten in Westfalen(= Beiträge zur Volkskulturin Nordwestdeutschland, Heft 45). Münster, Coppenrath Verlag, 1985, 184 Sei-ten, Fotos von Dieter Rensing.

Helmut Nemec, Bauerngärten. Das nützliche Paradies. Mit einem Essay vonLotte Ingrisch. Wien- München, Edition Christian Brandstätter, 1984, 96 Seiten,Fotos von Helmut Nemec.

,, Der Bauerngarten- nur eine Idylle? Eine Vielzahl der neuen derzeit auf denMarkt gelangenden Bücher über das Thema könnte diesen Eindruck erwecken wiemanche Formulierung darin. So taucht häufig das Wort, Paradies' auf, aber war esdas wirklich? Liegt nicht manchen dieser Formulierungen tatsächlich eine, verklärteVorstellung von Idylle und ländlicher Romantik' zugrunde?" Mit dieser Frage leitetRenate Brockpähler ihr Buch über Bauerngärten in Westfalen ein, und man

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