Andererseits rührt der„, intensive historische Blick" Levis von der gegenseitigenBefruchtung von Anthropologie und Geschichte her, ohne daß freilich anthropologi-sche Methoden, wie etwa die„ dichte Beschreibung“ von Clifford Geertz, kritiklosund mechanisch übernommen wurden( siehe dazu: G. Levi, I Pericoli DelGeertzismo, Quaderni storici 1985/1). Vor allem die prosopographische Sammlungder Quellen( Notariatsakte, Pfarrquellen, administrative Akten) für eine quanti-tative, aber auch qualitative Interpretation ermöglichten eine intensive Rekonstruk-tion des Geschehens. Unter diesem Gesichtspunkt kann das Lesen von Quellen solebendig wie Feldforschung sein, so, als stände der Forscher 25 Jahre auf dem Dorf-platz und hört zu, was in den Familien vorgeht.
Bleibt nur noch hinzuzufügen, daß das„ Immaterielle Erbe. Eine bäuerliche Weltan der Schwelle zur Moderne" im Wagenbach- Verlag übersetzt erschienen ist.Reinhard Johler
E. A. Hammel, Robert S. Ehrlich, Radmila Fabijanić- Filipović, Joel M. Halpern,Albert B. Lord( Hgg.), Among the People. Native Yugoslav Ethnography.Selected Writing of Milenko S. Filipović(= Papers in Slavic Philology Nr. 3), AnnArbor, University of Michigan, 1982, 298 Seiten.
Mit der englischsprachigen Herausgabe einiger Abhandlungen des hervorragen-den serbischen Ethnographen Milenko S. Filipović haben E. A. Hammel und seineKollegen der europäischen Volkskunde einen höchst wertvollen Dienst geleistet.M. S. Filipović( 1902-1969) ist aus einer geographischen Schule zur Ethnographieumgewechselt. Zu Beginn war er Schüler von Jovan Cvijić und arbeitete zunächst inSkopje, sodann in Beograd im Ethnographischen Museum. 1955 erhielt er an derUniversität von Sarajevo einen Lehrstuhl. Später wurde seine überaus geringe Pen-sion durch die Unterstützung der Wenner Gren Foundation ergänzt, um ihm dieArbeit zu ermöglichen. Seine überaus vielfältige wissenschaftliche Tätigkeiterstreckt sich auf die verschiedenen Balkanvölker. Er war ein ausgezeichneter Feld-forscher. Ohne ausgesprochen theoretische Arbeiten geschrieben zu haben, sinddoch all seine Abhandlungen auch an theoretischen Gedanken reich. Die im vorlie-genden Band enthaltenen Abhandlungen sind vornehmlich der Gesellschaftsorgani-sation und den Bräuchen gewidmet; so können wir z. B. die Gewohnheiten des bal-kanischen( vor allem serbokroatischen) Großfamilien-, Sippen- und Stammsystems,der Wahlbruderschaft und der gegenseitigen Freunschaftsbesuche kennen lernen.Höchst wertvoll sind die Aufsätze über die symbolische Aufnahme des fremden Kin-des, die Milchbruderschaft, die Substituierung der Vaterschaft, die Ehe zwischenGeschwisterkindern, die Sterbehilfe( Euthanasia) und den Freitod. Für die Forscherder Urbeschäftigungen dürfte die Abhandlung über die serbokroatische Sammel-wirtschaft eine wahre Fundgrube sein. Weitere Beweise der umfangreichen Kennt-nisse von M. S. Filipović sind seine Arbeiten über den Ursprung der Aromunen( Zinzaren) sowie über die orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen und byzantinischen Elemente der südslawi-schen Volkskultur. Schon diese kurze Aufzählung dürfte veranschaulichen, daß derin den USA erschienene Studienband für uns nachgerade unentbehrlich ist. Im Bandist auch eine Bibliographie von M. S. Filipović enthalten.
Unser Dank gebührt den Kollegen in den USA, die Bedeutung der Tätigkeitdieses hervorragenden serbischen Volkskundlers erkannt und ermöglicht zu haben,
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