Buch über„ Bauern und Bürger im nachmittelalterlichen Unterfranken“( Würzburg19842) nach archivalischen Quellen. Da sind also nicht nur die Rechtsinstanzen, Ver-treter der Rechtsordnung eines solchen Gemeinwesens mit ihrem Habitus, ihrenGesten und Haltungen samt ihren sehr reichhaltig gestaffelten Kontrahenten bis zumSauhalter und Wegestrolch, es gibt viel Merkwürdiges selbst an Sachzeugnissen zusehen und werden vielerlei Verhaltungen nachgezeichnet, die man aus dieser Früh-zeit für die Volkskunde beachten wird müssen. Auch das Fragliche wird festgehal-ten, und in Wort und Bild scheint fränkisches Leben von damals sehr deutlicheEigenprägung zu verraten. Zu dem vielen, was Karl S. Kramer hierzu bemerkt, istmir weiters aufgefallen: Windschaufeln kurz und lang fürs Getreide, der zweisterzigePflug mit symmetrischer Schar und Grindelkette, die Längsegge mit Haltestrick, dasmittelalterliche Tongeschirr auf Abb. 6; die einschultrigen Tragsäcke der Frauen( Abb. 3, 17, 18 usw.); das Faẞabladen mit der sogenannten„ Weinleiter“( Abb. 20);die hübsche Darstellung der Ziegelhütte auf Abb. 78; die Fahrzeuge allenthalben.Alles das erklärt uns Kramer in gut übersichtlich gegliederten Kapiteln; manches—wie gesagtbleibt fraglich: die auf den Gürtlerständen mehrfach abgebildeten undin Abschnitten verschieden gefärbten Scheibenkränze erklärt Kramer nachW. Brückner als Spiegel( Abb. 1 und 2). Mir erschienen diese offenbar sehr gängi-gen Erzeugnisse der Gürtler und Sattler eher als sogenannte„ Riedl“, nämlich als ausgestücktem Leder gefertigte und gepolsterte Tragvorrichtungen für Kopflasten, diees bei uns bis heute noch gibt. Das sehr gut ausgestattete und mit großer Sachkennt-nis dennoch sehr eingängig geschriebene Buch ist so eine der Kostbarkeiten zurBezeugung des Alltags- und Volkslebens um 1500, die es in dieser Geschlossenheitund vortrefflichen Interpretation selten genug gibt.
www
Oskar Moser
Giovanni Levi, Centro e periferia di un stato assoluto. Tre saggi su Pie-monte e Liguria in eta moderna. Torino, Verlag Rosenberg& Sellier, 1985, 226 S.Ders., L'eredità immateriale. Carriera di un escorcista nel Piemonte delSeicento(= Microstorie 10). Torino, Einaudi, 1985, 202 S.
Giovanni Levi, Wirtschaftshistoriker in Turin, hat zwei durchaus„ volkskundli-che“ Bücher geschrieben. Beiden sind gemeinsam: der Zeitabschnitt( 1600-1800),die Regionen( v. a. Piemont und Ligurien), die verwendete Methode und die Frage-stellungen. Sie setzen sich mit der Lebensweise der bäuerlichen und städtischenBevölkerung des Ancien- Regimes, mit dem kontinuierlichen Vordringen des abso-luten Staates, der Kapitalisierung des Marktes und dem gezielten Ausnützen der sichöffnenden Zwischenräume auseinander. Entwicklungen kamen nicht einfach von„ oben“ und erzeugten einen passiven Reflex„ unten“ in den Dörfern, sondern eswaren wechselseitige Beziehungen, in denen rational handelnde Menschen zwar vie-les nicht verhindern, aber lokal adaptieren konnten. Diese Welt wurde bisher weit-gehend als statisch und immobil beschrieben.
Dem ist auch der erste Beitrag in„, Centro e periferia" gewidmet, der sich mit dergeografischen Mobilität und der Formation der städtischen Bevölkerung, v. a. mitdem Anwachsen von Turin, beschäftigt. Im zweiten Aufsatz gelingt es Levi, dieinnere Dynamik der familiären Strukturen nachzuzeichnen, um dann im drittenKapitel, dem Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus am Beispiel eines klei-nen Dorfes zu folgen.
74