Vom Zipserland ohne das Deutschtum zu sprechen käme einer Verleugnung derGeschichte und des schöpferischen Geistes gleich.
Kurt Conrad, der Geehrte im besonderen, und die österreichische Volkskunde imallgemeinen können auf diese Festschrift mit Fug und Recht stolz sein. Zum Schlußmöchte ich aber die Geleitworte Wilfried Haslauers mit dem Gedanken weiterfüh-ren, daß dieser Band jenen profunden österreichischen Humanismus von Kurt Con-rad und seinen gelehrten Kollegen, wie Oskar Moser und Richard Wolfram, wider-spiegelt, dessen das heutige Europa so dringend bedarf und der hier, in der ungari-schen Puẞta, vielleicht deutlicher zu spüren ist als am Fuße des Großglockners.
Ohne hierzu formell ermächtigt zu sein, habe ich doch das herzliche Bedürfnis,anläßlich der Erscheinung von„ Heimat als Erbe und Auftrag" Kurt Conrad auch imNamen jener Volkskundler zu beglückwünschen, die im Europa östlich der Vor-alpen und der Leitha nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als getreue Dienerihres Volkes leben und wirken.
Béla Gunda
Karl S. Kramer, Fränkisches Alltagsleben um 1500. Eid, Markt und Zoll imVolkacher Salbuch(= Land und Leute. Veröffentlichungen zur Volkskunde.Hrsg. von Wolfgang Brückner). Würzburg, Echter Verlag( 1985), 114 Seiten,94 Abbildungen, z. T. in Farbe.
Das kleine fränkische Städtchen Volkach liegt zwischen der Bischofsstadt Würz-burg und dem Steigerwald in einer der zahlreichen Mainschleifen, nahe der hochge-legenen Vogelsburg. In der Nähe sind die Weinorte Escherndorf, Nordheim undSommerach gelegen, und Volkach selbst war bis ins Mittelalter zurück- so heißt esin der Bavaria von 1866- einer der„, bedeutendsten Häckerorte des Maintals" gewe-sen. Von der mittelalterlichen Stadt hat sich freilich an Bauten nur wenig erhalten.Aber es gibt von ihr eine singuläre Rechtsquelle, das Volkacher Sal- oder Stadtbuch,das vermutlich der Stadtschreiber Niklas Brobst in wesentlichen Partien zum Jahre1504 niederschrieb und entweder selbst oder durch einen anderen Unbekannten illu-minieren oder mit kolorierten Handzeichnungen versehen ließ. Sein Inhalt drehtsich um alles, was ,, schlecht und recht" mit dem Leben einer kleinstädtischen Bürger-schaft in den unruhigen Zeiten unmittelbar vor der Reformation zusammenhängt.Das macht verständlich und nach gut fränkischem Brauch sichtbar, was an Ordnungund Zucht notwendig ist und was davon im Zusammenleben in solcher Enge wohlnicht nur hier und für diesen fränkischen Ort, dann aber doch gerade für ihn, damalstypisches Signum des Alltages war.
Texte und Bilder dieses bisher wenig zugänglichen und kaum erschlossenenSchlußteiles des Volkacher Salbuches verdolmetscht in volkskundlicher und rechts-historischer Sicht Karl S. Kramer als längst bewährter und kritisch wohlbedachterKenner der hier in Frage stehenden Verhältnisse. Er erläutert uns nicht nur dieQuelle und deren rechtshistorischen Hintergrund, sondern zeichnet vor uns darausein Bild des Stadt- und Alltagslebens mit allen köstlichen Details und Einzelheiten,die sich hier bieten. Überraschend die Funde als solche wie die Gesamtheit alsgeschlossenes Ganzes. Karl S. Kramer vermag es dem heutigen Leser die tiefgestaf-felte Schichtung der Sozialordnung von damals sehr anschaulich und mit bewährterUmsicht zu schildern und schafft so gleichsam ein Gegenstück zu seinem bekannten
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