Zur ,, Frau des Pilatus"( Matth. 27,19)im österreichischen Christileiden- Spielder Gegenwart
Von Leopold Kretzenbacher
Für Karl Konrad Polheim in Bonn.
Ein Wesentliches zur Erklärung des oftmals erstaunlich breitenAnteiles von heilsgeschichtlich eher„ nebensächlichen“ Szenen derPassionsspiele zwischen dem Mittelalter und unserer unmittelbarenGegenwart liegt in der sogenannten Schwelltendenz einzelnerBibelworte oder Evangeliensätze. Es handelt sich dabei um tatsäch-lich keimhaft dramatische Worte, Satzteile, die offenkundig gera-dezu zur Ausweitung in ein Bild, in eine Kleinszene, ja in ganze, zuverschiedenen Stilepochen des geistlichen Spieles zwischen demMittelalter, der Schul- und Ordenstheaterpraxis und dem lebendi-gen Volksschauspiel unserer Tage nachweisbare Szenenreihendrängen, dafür typisch genannt werden können.
Man denke an den Gang der Drei Marien zum Grabe des Herrn,Ihn einzubalsamieren nach Mark. 16,1: Αγόρασαν αρώματα είναέλθουσαν ἀλείψωσιν αὐτόν: emerunt aromata ut venientes unge-rent Jesum. Die„ Salbenkrämer- Spiele" um den Kauf der aromatabei einem unguentarius, zu dem sich in derbdrastischen Szenennoch sein Weib Glossar ::: zum Glossareintrag Weib, seine Magd, ein Knecht usw. scharen, kennzeich-nen den Realismus und die Spielfreude gerade des Spätmittelalters.Desgleichen zählt hierher die so beliebte Szene mit dem„, Wettlaufder Apostel" Petrus und Johannes nach Joh. 20,4:' étoɛxov dɛ oíSúo' oμov: currebant autem duo simul... Nicht minder bezeich-nend auch seit dem sinnenfrohen, von Renaissancegeist erfüllten16. Jahrhundert, das auch in der bildenden Kunst so gerne Gast-
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