Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Elli Zenker- Starzacher, Märchen aus dem Schildgebirge( Deutsches Erzähl-gut aus Ungarn). Klagenfurt, Universitätsverlag Carinthia, 1986, 143 Seiten.So paradox es auch klingen mag, gehört Ungarn zu den besterschlossenen deut-schen Erzähllandschaften, und man könnte eine lange Reihe von Forschern aufzäh-len, die durch ihre Aufzeichnungen seit der Jahrhundertwende dazu beigetragenhaben, das ungarisch- deutsche Märchengut auch der internationalen Wissenschaftzugänglich zu machen. An Hand größerer Veröffentlichungen sei hier nur verwiesenauf J. R. Bünker( Ödenburg in Westungarn), G. Henßen( Ofner Bergland), I. Györ-gypál- Eckert( Heuers/ Hajós an der mittleren Donau), K. Vargha B. Rónai( ,, Schwäbische Türkei" im Süden) und auf E. Zenker- Starzacher, die in einer äußerstergiebigen Geländefahrt in das Schildgebirge und den Buchenwald den deutschenMärchenschatz Mittelungarns erfassen konnte. Diese großen Sammlungen wurdendurch zahlreiche Teilaufnahmen bzw.-veröffentlichungen, besonders die vonJ. Künzig, W. Werner, E. Bonomi, A. Loschdorfer, A. Karasek u. a., ergänzt undabgerundet. Der historischen Tatsache der interethnischen und unter den deutschenSprachinseln im historischen Ungarn wirksamen internen Wechselbeziehungengemäß sei es betont, daß aus dieser im historischen Sinne ungarndeutschen Erzähl-welt auch die nach dem Ersten Weltkrieg jugoslawisch, rumänisch, slowakisch undösterreichisch gewordenen Teile nicht auszuschließen sind. Somit erweitert sich derKreis der großen Sammlungen durch J. Haltrich( Siebenbürgen), A. Tietz( Banat)und K. Haiding( Burgenland), von den kleineren, nichtsdestoweniger wichtigen Mit-teilungen ganz zu schweigen. Angesichts dieser Fülle könnte leicht die Meinung auf-kommen, das vorliegende Buch bilde dabei bloß ein bescheidenes Glied in einer lan-gen Kette: diese Meinung wäre aber irrig. Schon von der Methode her steht Zenker-Starzacher in einer seinerzeit viel engeren, heute nachdem es u. a. auch in dermagyarischen Märchenforschung Schule" gemacht hat- ziemlich allgemein gefor-derten Tradition, und zwar durch die bewußte Erhebung des Gesamtrepertoires derErzähler bzw. Erzählerinnen. Damit steht sie zeitlich wie räumlich- zwischenBünker und Henßen, genauer: nach Bünker und vor Henßen. Es ist auch nicht zuvergessen, daß die methodologische Saat" von Bünker und Zenker- Starzacher inder eigentlichen ungarischen Forschung etwa erst nach dem Zweiten(!) Weltkriegaufging: Bünkers Buch ist 1905, E. Zenker- Starzachers Buch zuerst 1941 erschienen.Zenker- Starzacher hat aber die Bünkersche Methode der Repertoire- Aufnahmenicht einfach kopiert. Sie hat sie an einem sehr wichtigen Punkt weiterentwickelt unddamit ein Modell geprägt, das gerade in unserer Zeit des nunmehr in allen Diszipli-nen der Sozial- und Geisteswissenschaften in den Vordergrund gerückten Interessesan der Gruppendynamik als beispielgebend zu bezeichnen ist: sie hat nämlich inner-halb einer minimalen Erzählgemeinschaft- und es war das in der herkömmlichenOrdnung der bäuerlichen Gesellschaft die Familie, nicht die Einzelpersongesamte ständige Repertoire dieser Gemeinschaft, das zugleich naturgemäß auchmit dem der Einzelerzähler innerhalb der Familie identisch war, erfaßt und in derersten Veröffentlichung( Eine deutsche Märchenerzählerin aus Ungarn. München1941) nach der direkten Überlieferung der Stücke durch die einzelnen Erzähler( in-nen), wie etwa Märchen der Mutter, Märchen des Vaters" usw., ihnen auch zuge-ordnet. Dadurch wurde es auch möglich, ein konkret faßbares Erzählgut in seinerunmittelbaren Genese darzustellen.

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Eine andere wichtige methodologisch- methodische Frage, die sich allen Sammlernstellt, ergibt sich im Hinblick auf die Mitteilung. Die Romantiker, allen voran

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