Walter Scherf, Die Herausforderung des Dämons.
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Form und Funktiongrausiger Kindermärchen. Eine volkskundliche und tiefenpsychologische Darstel-lung der Struktur, Motivik und Rezeption von 27 untereinander verwandtenErzähltypen. München, K. G. Saur, 1987, 394 Seiten.
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Walter Scherf verdanken wir mit dem ,, Lexikon der Zaubermärchen“ ein reichhal-tiges und arbeitsgünstiges Handbuch. Nun hat er- näher an sein Spezialgebiet her-angerückt Spezialuntersuchungen vorgelegt, die sowohl gundlegende Fragenanschneiden( etwa den Begriffssack„ Kindermärchen“), wie auch eine Reihe von all-gemeinen Problemen aus dem Volkserzählbereich aufbereiten. Insgesamt 26 Kapitelgliedert Scherf in die Obergruppen: 1. Neugier auf das Dämonenland, 2. Die Her-ausforderung des Dämons, 3. Heimkehr aus dem Dämonenland.
Es ist ein breiter und dennoch zusammenhängender Bereich, aus dem Scherf seineTexte ausgewählt und analysiert hat, und stets gewinnt er dem einzelnen Stoff cha-rakteristische Gesichtspunkte ab, ob es sich nun um den„ Haushalt der Hexe", umden ,, Einbruch des Dämons in das Elternhaus", um Aussendung oder Aussetzungund manche andere Aspekte handelt.
Eine der berührten Schlüsselfragen lautet:„, Was ist ein Kindermärchen?“( S. 247)„ Die nüchterne Bestandsaufnahme ergibt, daß sich erstens aus dem internationa-len Märchenkanon nach formalen Gesichtspunkten 27 Erzähltypen beziehungsweiseUntertypen ausgliedern lassen. Stoff und Rezeptionsdramaturgie dieser Gruppe zei-gen eine solche Einheitlichkeit, daß man von einer funktionalen Bestimmung derForm sprechen kann. Ich schlage vor, diese 27 Erzähltypen, Kindermärchen' imeigentlichen Sinne zu nennen, weil sie als imaginatives Spiel- und Verarbeitungs-material von Ablösungs- und Entwicklungskonflikten der Kindheit benutztwerden."
Seit den„, Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm wurde der Begriff vonden dazu Stellung nehmenden Wissenschaftlern eher nach der äußeren Funktion alsnach der inneren zu deuten versucht. Es ist wichtig und richtig, wie nun Scherf dieProblematik angeht. Wir können aus seiner so ausführlichen Studie nur einige Frag-mente herausgreifen:
,, Der Grundsatz des imaginativen Spieles aber heißt: Nichts ist endgültig, alles istnoch wiederholbar."
„ Die eigentlichen Kindermärchen lassen sich im Aufbau und psychologischerFunktion eindeutig von den voll entwickelten Zaubermärchen abgrenzen, in deneneine Adoleszenzthematik durchgespielt wird.“
,, Mit diesen Unterscheidungsmitteln ließe sich auch eine Gruppe funktional ver-kindlichter Zaubermärchen bestimmen, bei denen die volle Adoleszenzthematikverkürzt wird auf ein ohne persönlichen Einsatz für den zukünftigen Partner zu errei-chendes Glück des Aufgehoben- und Miteinanderseins."
,, Aber es läßt sich zwischen der Gruppe eigentlicher Kindermärchen und derwesentlich größeren Gruppe voll ausgebauter Zaubermärchen noch die höchstbemerkenswerte Gruppe der Trickstermärchen ausgrenzen, in der sich einebestimmte Haltung und Verhaltensweise der Hauptgestalt verselbständigt.“( S. 249)Der Vorzug der Abhandlung von Scherf besteht in der unmittelbaren Nähe zumText und zum Kinderspiel unter gleichzeitiger Beobachtung volkskundlicher undpsychologischer Arbeitstechnik. Schlagwortartig trifft der Autor Punkte, die für
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