Trotz dieser kritischen Anmerkungen begrüßt man diese Arbeit als äußerst nütz-lich, eben weil sie eine große Almregion erschließt und bislang weitgehend unbe-kanntes Material vorstellt. Auf die Schwierigkeiten der Verfasserin beim Auffindender Quellen wurde schon hingewiesen. Einige charakteristische Fototafeln rundendie bei Louis Carlen erarbeitete Dissertation ab.
Herbert Schempf
Felix Karlinger, Auf Märchensuche im Balkan. Köln, Eugen DiederichsVerlag, 1987, 124 Seiten.
Mit ein wenig spöttischer Ironie bezeichnet Karlinger selbst seinen Band als,, unwissenschaftliches Buch". Warum? Aufs Korn genommen werden dabei die Ver-fechter einer„, enthumanisierenden Katalogisierung von, Gegenständen und Äuße-rungen der Volkskultur“. Die„ Märchensuche im Balkan" müßte also das genaueGegenteil darstellen- und das tut sie in der Tat.
1964(!) unternimmt eine kleine studentische Feldforschergruppe um den Autoreine Märchenexpedition. Ihr Interesse gilt dem Aromunischen- oder, genauerdenMenschen, die sich heute dieser„ Reliktsprache" bedienen. Das balkanromanischeIdiom, eine Variante des Rumänischen, wird von mehreren hunderttausend Men-schen gesprochen, die meist noch eine zweite Sprache beherrschen und über mehrereLänder des Balkans verteilt sind. Die wichtigsten Ergebnisse, so empfinden es dieTeilnehmer, liegen erst in zweiter Linie in wissenschaftlichen Resultaten, die sichweiter vermitteln und analysieren lassen. Als primären Gewinn beurteilen sie dieAnnäherung an Menschen, den Einblick in Lebensgemeinschaften und Kultur einesanderen ethnischen und sozialen Bereichs.
Aber schildert das Buch nicht gerade dadurch das eigentliche wissenschaftlicheAnliegen aller volkskundlichen, anthropologischen oder philologischen Forschung:Die Erforschung des Menschen samt seiner Äußerungen und Wechselbeziehungenmit anderen Menschen?- Der Bericht schließt darüber hinaus auch die Interaktio-nen der Feldforscher mit ein, oft ganz ,, unwissenschaftlich" witzig geschildert. Allesin allem eine Kontext- und Textstudie, die Biologie und Ontologie des Märchens undder Märchensuche nicht nur akademisch abhandelt, sondern atmosphärisch herauf-beschwört, wie schon ,, Märchentage auf Korsika“( Köln 1984) desselben Verfassers.
13 Texte, die ein breites Spektrum an Märchengattungen und auch andere Volks-erzählungen wiedergeben, sind in klassischer Erzählsammlungsmanier bruchlos ineinen Rahmen, den Reisebericht, integriert. Trotz der Kürze des Bandes werdenStoff-, Typen-, Variantenanalyse und-parallelen nicht vernachlässigt, finden sichKulturbeschreibungen, Erzählerporträts, Kontextbeobachtungen bis hin zur beglei-tenden Körpersprache oder auch zu an das Erzählen geknüpften übersinnlichenErlebnissen, wird auf Erzählerstil und-intention eingegangen., Wissen ist mehrals Wissenschaft, und die Erfahrung von Menschenart[] befriedigt im echtenSinne des Wortes, es befriedet“, schreibt der Autor. Sein Buch vermittelt etwas vondiesem Wissen.
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Rainer Wehse