Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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nachtsmesse; jeder nahm seinen Stock mit und wohnte der Messe hinter den Bänkenstehend bei. Am Weihnachtstag sowie zu Ostern und Pfingsten wurden die Hirtenvon den Bauern mit Kuchen beschenkt. Der neue Hirte trieb die Herde nicht mitseiner eigenen Peitsche auf die Wiese, sondern mit einer, die aus der zum Aufhängendes geweihten Schinkens benützten Schnur geflochten wurde. An der Weide ange-langt, wandte er sich nach Osten und vergrub diese Peitsche. Damit hörte die Machtdes früheren Hirten über die Herde auf. Am Karfreitag wurden die Tiere über dieGlut der aus dem Friedhof gebrachten Grabhölzer getrieben, damit sie gesund blei-ben. Das Feuer wurde nicht mit einem Zündholz, sondern mit Zunder, Feuersteinund Stahl gezündet. Dieser Brauch ist eine Erinnerung an das Notfeuer. Hirte undTier kannten einander sehr gründlich- in der Tiefe der Eichenwälder entwickeltesich eine echte Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier. In solchen Gemeinschaftenwar das Zusammenwirken gewiß besser als zwischen den Bewohnern modernerMietskasernen. Wir lernen aus dem Buch die Hütten, Trachten und Speisen der Hir-ten kennen. Von den verschiedenen Geräten möchte ich hier nur die Schweinezangeerwähnen( vgl. Bomann, Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Nieder-sachsen, Weimar 1929, S. 196), die zweifellos aus dem Westen zu den ungarischenHirten kam. Der Verfasser schreibt ausführlich über die engen Beziehungen, diezwischen den Hirten des Somogy- Gebietes und Slawoniens sowie Kroatiens bestan-den. Mehrere Schweinesorten wurden aus Kroatien nach Transdanubien eingeführt.Die Hirten betrieben eine bedeutende Sammeltätigkeit( z. B. das Sammeln der Eiervon Wildvögeln). Erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen begann das Hir-tenwesen zurückzugehen, dessen reichhaltige Traditionen Gy. Takáts in seinen Auf-zeichnungen für die Nachwelt erhalten konnte.

Béla Gunda

Karin und Raimund Bartl, Volkmar Schnöke, Plastiktüten. Kunst zum Tragen.Hannover, Fackelträger Verlag, 1986, 72 Seiten, Abb.

Die Aufgabe von Museen und Sammlungen wird oftmals miẞverstanden als reineAnhäufung von Kostbarkeiten in der Art von Schatzkammern, doch sollte musealeZielsetzung auch bestehen in der Protokollierung typischer zeitgenössischer Erschei-nungen, die als Objektivationen charakteristisch für eine Zeitstufe zu halten, derenAuswahl nachträglich weit mehr dem Zufall überlassen und die nicht nur durch ihrengroßen ideellen oder materiellen Wert einer Zerstörung entgangen sind. Unterdiesen Objektzeugen für geschichtliche Prozesse von Lebensbewältigung ist wenigestypischer für die gegenwärtige Industriegesellschaft als die Verpackungsindustrie,deren Wandel die Änderung der Kaufgewohnheiten widerspiegelt: War das Papier-stanitzel in Trichterform Sinnbild des alten Einzelhandels im Kramerladen, so sindPlastiksäcke,-tüten,-beutel usw. Symbol für das heutige Selbstbedienungsgeschäft.Die Produkte, einst vor dem Verbraucher lose vom Kaufmann portioniert, mußtenfertig abgepackt von der gleich aussehenden Konkurrenz anhand von Stereotypenmit Markenpersönlichkeit abgehoben werden, wobei in Produktpackung undTransportbehältnis getrennt wurde. Hatte man vor den späten fünfziger Jahren dieEinkaufstasche zum geplanten Kauf von zu Hause mitgenommen, so tauchten dar-aufhin als Serviceleistung des Selbstbedienungssystems immer häufiger universelleinsetzbare, wasserdichte Tragetaschen zum zuvor ungewohnten Spontaneinkaufauf. Während an der Einkaufstasche nichts auf den Erwerb hinweist, kaschiert

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