Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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zeigen auch Modernisierungen und kommerziellen Charakter. PraktischerGeschäftsgeist und die fast kleinbürgerliche Angst vor der öffentlichen Meinungweisen auf die Nähe von Athen.

Die Hauptstadt ist aus dem Kapitel zu Festgriechenland ausgeklammert; ihr hatder Verf. eine eigene umfangreiche Arbeit gewidmet.( Die Laographie von Athen[ 1834-1984]. Nea Estia, Weihnachtsfest 1984, S. 211-233.) Die Berggebiete Zen-tralgriechenlands gelten als der eigentliche Lebensraum der bis auf knappen Tele-grammstil verwesentlichten Kleftenlieder. Anhand des Hl.- Symeon- Festes bei Miso-longi wird die neuere Brauchfolklorisierung exemplifiziert.

Thessalien mit seiner Kornkammer ist der Schauplatz der ersten Industriegenos-senschaften und Feldarbeiterstreiks in Griechenland. Besonders der Bergzug desPelion war im 17. und 18. Jahrhundert kulturell hochentwickelt. Heute herrschen inder fruchtbaren Ebene Traktor und Bewässerungsanlage, Unternehmertum undMarktpreisspekulation. Larisa und Volos zählen zu den führenden Städten Grie-chenlands. Des Verf. ausklingende Bemerkungen sind dem lokalen Fußballfanatis-mus gewidmet, der Zehntausende von Menschen in ihren Handlungen und Äuße-rungen über große Zeiträume hin motiviert: Diskussionen, Protestversammlungen,Feste, außerordentliche Krisensitzungen der Bezirkshauptmannschaft. Ähn-liche Überlegungen zur rezenten Lebensfunktion des Fußballs durfte auch der Rez.selbst auf Feldforschung in einem kleinen Dorf in Nordthessalien anstellen, als einNeujahrsbrauch ausgefallen war wegen eines Fußballmatches im Stadion" derGemeinde.( W. Puchner, Die Rogatsiengesellschaften". Theriomorphe Maskie-rung und adoleszenter Umzugsbrauch in den Kontinentalzonen des Südbalkan-raums. Südost- Forschungen XXXVI, 1977, S. 108–157, bes. S. 156 f.)

Walter Puchner

Helmut P. Fielhauer, Volkskunde als demokratische Kulturgeschichts-schreibung. Ausgewählte Aufsätze aus zwei Jahrzehnten(= Beiträge zurVolkskunde und Kulturanalyse, Band 1; im Auftrag des Helmut- P.- Fielhauer-Freundeskreises herausgegeben von Olaf Bockhorn, Reinhard Johler, GertraudLiesenfeld). Wien, O. Bockhorn, R. Johler, G. Liesenfeld, c/ o Institut für Volks-kunde d. Univ. Wien, Hanuschgasse 3/ IV, A- 1010 Wien, 1987, 384 Seiten, Abb.Mehr als ein halbes Jahr ist seit dem Tod des Wiener Volkskundlers Helmut PaulFielhauer vergangen, und immer noch befällt einen Bewegung bei der Lektüre deszu seinem Gedenken erschienenen Bandes ,, Volkskunde als demokratische Kultur-geschichtsschreibung, den drei seiner Freunde, Schüler und Mitarbeiter vor weni-gen Monaten herausgaben. Der frühe Tod dieses ,, Schwimmers gegen den Strom"hat viele seiner Freunde, und derer hatte er eine ganze Menge, betroffen gemacht.Diese Betroffenheit liegt wohl nicht zuletzt darin begründet, daß in dem SchicksalFielhauers so deutlich die Verflechtungen zwischen Körper und Geist zu spürenwaren, der ewige Zweifel und das Ringen um den rechten Weg in der wissenschaft-lichen Auseinandersetzung in unserem ambivalenten Fachgebiet, die vielen Miẞver-ständnisse und Anfechtungen, sowohl die tatsächlichen als auch die subjektiv emp-fundenen, denen er ausgesetzt war, und das schließliche körperliche Erliegen indiesem ungleichen Kampf.

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