Univ.- Prof. Dr. Oskar Moser, auch heuer als wissenschaftlicher Beobachter undInterpret wieder dabei, konnte zum Schluß dieses heurigen Treffens in Großkirch-heim zusammenfassend drei wesentliche Punkte als Hauptertrag eines solchen völligneuartigen Animationsversuches herausstellen: Zunächst ergab sich für Erzählerund Zuhörer, die rasch zu einer richtigen Gemeinschaft verschmolzen waren, sowohlthematisch- inhaltlich wie auch vom Gesamtstoff her ein ganz neues Gesamtprofil desDargebotenen; es gab kaum Leerläufe und überhaupt keine Wiederholungen ausdem vorjährigen Treffen, wie man hätte vermuten können. Hier bestätigt sich derErfahrungssatz der modernen Forschung, daß nämlich namentlich bei älteren Erzäh-lerinnen und Erzählern auch heute noch ein schier unerschöpflicher Vorrat an sol-chen Geschichten da ist und daß die Freude und Lust am Erzählen bei Aktiven wiePassiven einfach ungebrochen ist. Das Erzählen oder Berichten erweist sich daherzum zweiten immer noch als ein ganz bedeutendes Medium der Kommunikation zwi-schen den Menschen, und zwar gerade im kleinen Kreis, im Alltäglichen, in denFamilien, unter Bekannten. Und schließlich ist auch bei diesem Treffen durch Erzäh-ler aus dem Mölltal wie auch aus dem übrigen Kärnten eine große Fülle an neuenBeiträgen zur Kärntner Volkserzählung, von neuen Versionen und Ortsüberliefe-rungen an den Tag getreten, aus dem Mund von Teilnehmern am Treffen, die durch-aus aus eigenem Antrieb und Interesse und nicht sosehr über besondere Aufforde-rung daran mitgewirkt haben. Was hier zutage trat, mußte selbst einen erfahrenenSammler überraschen. Nicht nur landeskundlich oder ortskundlich Interessantesklang hier auf, sondern es wurden auch ganze Lebenskreise mit deren Alltag voneinst sichtbar: das Leben und Treiben der Säumer über die Tauernpässe, der Fuhr-leute, der Wanderhändler und Fahrenden von früher, das Almleben und Berg-bauerndasein in seinen verschiedensten Aspekten, der Bergbau von einst, Hüttenar-beit und Transportwesen, das Postwesen und die Wirtsleute als wichtige Kommuni-katoren im engsten Bereich usw.
Das zweite Erzählertreffen zeitigte demnach, als in dankenswerter Weise vomSchloßwirt in Großkirchheim/ Döllach nachhaltig unterstütztes und vom ORF- Lan-desstudio Kärnten eingeleitetes und gefördertes Erzählertreffen für Kärnten einallen unauslöschliches, aber auch objektiv bedeutungsvolles Resultat. Wieder ein-mal erweist sich damit die alte Erfahrung, daß eben das direkte Erzählen- Hören unddas Selber- Erzählen etwas menschlich ganz Primäres sind, dies auch im Vorfeldhöherer literarischer Ansprüche oder der eigentlichen Historie. Nicht umsonst hatman in der modernen Industriegesellschaft längst die Bedeutung der„, oral history"als etwas ganz Wesentliches für die Einsicht in das allgemeine menschliche Zusam-menleben und gemeinsame Erleben erkannt. Daß dies gerade in unserem Falledurch den Rundfunk und durch eines der mächtigsten modernen elektronischenMedien unserer Tage provoziert und in sehr geschickter und unkomplizierter Weisehatte in Gang gesetzt werden können, scheint uns also in mehrfacher Hinsicht bedeu-tungsvoll und dankenswert.
Fotodokumentation Volkskultur und LebensgeschichteBericht über ein volkskundliches Forschungsprojekt
Oskar Moser
Im Zuge der Beschäftigung mit biographischen Methoden- und das heißt auchder Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Gewährspersonen- in den histo-risch, sozial- und kulturwissenschaftlich arbeitenden Disziplinen, um an
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