Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Vermittler und Gewährsleute des Rezensenten ist dieses Material vor allem unterder Bevölkerung afrikanischer Provenienz beliebt und verbreitet.

Es finden sich dabei genügend märchen- und sagenhafte Motive, die bei Aarne-Thompson numeriert sind, jedoch stets in zeitgenössischer Ausmalung.

Motto: Nicht es war einmal, es ist noch!

Felix Karlinger

Yolando Pino Saavedra( Hg.), Cuentos Mapuches de Chile. Santiago deChile, Ediciones de la Universidad de Chile, 1987, 295 Seiten.

Der Herausgeber ist uns durch seinen in der Reihe Märchen der Weltliteratur"veröffentlichten Band mit Volkserzählungen aus Chile bekannt. 1960 bis 1963 hat erein dreibändiges Werk mit Texten aus der mündlichen Überlieferung herausge-bracht und durch eine Zahl detaillierter Studien ergänzt.

Das vorliegende Buch ist insofern bemerkenswert, als es praktisch einen Quer-schnitt durch die gesamte chilenische Volkserzählforschung bietet. Die ältestenTexte, die seinerzeit Rudolf Lenz um 1890 aufgenommen hatte, sind jedoch nichtdessen Buch, Araukanische Märchen und Erzählungen( Valparaiso 1896) entnom-men, und die jüngsten Aufnahmen führen uns in die siebziger Jahre unseres Jahrhun-derts. So umspannt der Band nicht nur fast 90 Jahre Forschung, sondern er weisteinerseits nach, wieweit die orale Tradition in die Gegenwart heraufreicht, und erzeigt andererseits, um wieviel sich die Präzision der Notierung- mit anderen Wor-ten: der Transliterierung gesammelter Materialien- verbessert hat.

Pino Saavedra, der vor Jahrzehnten unter anderem auch in Hamburg studiert hat,beherrscht nicht nur äußerlich die technischen Mittel, sondern er verfügt über dasFeingefühl in der Gewichtung der Akzente volkstümlichen Erzählens. Der dialek-tale Habitus vieler Texte läßt die lokalen Eigenheiten sehr deutlich hervortreten,und es ist nichts an Sprache und Stil abgehobelt worden. Das Glossar erleichtert dieLektüre der Erzählungen und zeigt spezifische Formulierungen der Mapuches imRahmen des kastilischen Sprachschatzes. So erhält man einen authentischen Ein-druck von der araukanischen Volkskultur.

In einem aufschlußreichen Vorwort gibt der Autor zunächst einen Überblick überdie Feldforschung in Chile; wir erfahren von Lenz, Chiappa, Fraunhäusl, Moesbach,Saunière, Titiev und anderen.

In der Einteilung der Texte folgt Pino Saavedra dem üblichen Schema: ,, Cuentosde animales, Cuentos míticos, Cuentos mágicos, Cuentos novelescos", Cuento del diablo estúpido, Cuentos picarescos y anecdóticos und Cuentosacumulativos"( Kettenmärchen). Es versteht sich von selbst, daß uns ein Großteilder Motive bereits bekannt ist; aber die eigenwillige Erzählweise zeigt doch an, wiesehr ein Stoff einen neuen Ausdruck- ja fast eine neue Funktion- finden kann.Auch die Kontamination verblüfft zuweilen durch ihre Verbindung unabhängigerMotive. So enthält etwa der Text Nr. 70, Abraham Cuevas"( 1968 aufgenommen),die Motive vom jungen Burschen, der nicht heiraten will( bzw. die geschlossene Ehenicht vollzieht) mit dem des Schwerhörigen, der immer falsch versteht, sowie einerselbständigen Schlußepisode. Selbst bei einem solchen Text, der teilweise an literari-sche Vorbilder erinnern könnte, erweist sich, wie spontan erzählt wird. Abstracta

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