Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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ein Doktor Faust existiert hat oder nicht, ob er so existiert hat, wie ihn Sage undVolksbuch sehen wollen, ob aus verschiedenen Gestalten Züge zu einer Figur zusam-mengeflossen sind und erst diese Verdichtung die Faszination in der Überlieferungbegründet hat, bleibt ein interessantes Randproblem.

Nach Tolstoy hat es Merlin als historische Person im 6. Jahrhundert gegeben; ervermeint in ihm einen altkeltischen Druiden zu erkennen, einen Widerspieler gegen-über dem sich damals ausbreitenden Christentum.

Daß der Typus Merlins ekstatische und schamanistische Züge trägt, ist freilichnicht zu bestreiten, doch gibt es dazu auch Parallelen aus anderen europäischenLandschaften. Kretzenbacher hat sich über verschiedene verwandte Gestalten mehr-fach geäußert.

Selbst wenn es den historischen Merlin gegeben haben sollte, erst nach seinemVerlassen der wirklichen Welt kann er sich zu einer solchen mythischen Gestalt ent-wickelt haben, als welche er dann in die volkstümliche wie die künstlerische Dich-tung eingegangen ist. Bei Robert de Boron und anderen Autoren der Zeit des hohenMittelalters kann man gut erkennen, welche Funktion Merlin im Rahmen einer ver-christlichten Weltsicht zukommen mußte.

Das Graben nach dem historischen Merlin führt an seinem inneren Wesen und sei-ner Ausstrahlung vorbei. Man muß jedoch Tolstoy lassen, daß er in einer fesselndenund schier poetischen Weise seine Thematik behandelt hat, so daß sich das Buch vor-züglich liest. Ihn jedoch mit Stonehenge zusammen zu sehen, ihn mit den Motivver-bindungen Die kämpfenden Drachen und das vaterlose Kind" usw. in Zusammen-hang zu bringen, widerspricht Tolstoys eigenen Thesen.

Die Anmerkungen umfassen 64 Seiten und enthalten wichtiges Material, das zwei-fellos Interessierten wesentlich weiterhilft.

Felix Karlinger

Anton von Mailly, Leggende del Friuli e delle Alpi Giulie. Pubblicata conla collaborazione di Johannes Bolte. Edizione critica a cura di Milko Matičetov(=Collana di testi e studi etnografici, Bd. 2). Görz/ Gorizia, Editrice Goriziana, 1986,253 Seiten.

Ein altbekanntes, leider heute in der volkskundlichen Forschung sowie die Land-schaften Friaul, Venezia Giulia und ihre Nachbarschaft Slowenien und Istrien ,, ver-gessenes" Werk wurde hier von Milko Matičetov, einem zweisprachig, slowenischund italienisch aufgewachsenen bedeutenden Erzählforscher zumal des Ostalpen-raumes, ins Italienische übersetzt. Damit wird es wohl auch breiteren Kreisenzugänglich gemacht als die deutsche, von keinem Geringeren als vom Germanistenund Volkskundler Johannes Bolte( 1858-1937) weitestgehend betreute Ausgabevon Leipzig 1922. Die italienische Titelei Leggende darf nicht dazu verführen, beiNichtkenntnis der alten deutschen Ausgabe Sagen aus Friaul und den JulischenAlpen" zu vermuten, es handle sich nur oder auch nur überwiegend um Legenden,sozusagen um vorwiegend religiöse" Volkserzähl- Texte. Gleichwohl ist solcherAnteil auch hier bedeutend. Das entspricht ja dem thematischen Gesamtbestand derVolksdichtung bei den Friulanern, den Italienern und den Slowenen der VeneziaGiulia( Beneška Slovenija) sowie dem der im Süden des gleichen Überlieferungsge-bietes siedelnden Kroaten Istriens und des Küstenlandes"( Primorje).

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