Nochmals zwei Redensarten, nämlich„ Nichts Böses hören, nichts Böses sehen,nichts Böses sprechen“ und„ Große Fische fressen kleine Fische" analysiert Miederin den zwei folgenden Kapiteln„, The Proverbial Three Wise Monkeys“ und„ Historyand Interpretation of a Proverb about Human Nature", wobei er aufzeigt, wie ambi-valent das Sprichwort von den drei weisen Affen gedeutet werden kann, während dieErkenntnis, daß der Stärkere dem Schwächeren immer überlegen ist, unverändertübernommen wird.
Die vorliegenden Untersuchungen zeigen, wie in der Erzählforschung Histori-sches und Gegenwärtiges verbunden sind und wie wichtig für den Wissenschaftler,der sich mit diesem Gebiet beschäftigt, es ist, nicht nur die textliche Überlieferungzu sehen, sondern den Kontext mitzuberücksichtigen, die historischen, sozialen undgesellschaftlichen Gegebenheiten, und die Veränderungen von tradiertem Überlie-ferungsgut nicht abzulehnen oder zu bedauern, sondern mit dem gleichen Interessezu untersuchen wie den historischen Quellenbestand, denn gerade die Veränderungzeigt, daß ein Phänomen noch lebendig ist, noch eine Bedeutung in unserem heuti-gen Leben besitzt. Wir verändern traditionelles Erzählgut, passen es unseren Gege-benheiten an oder stellen es in Frage, den Grunderkenntnissen jedoch können wiruns nicht entziehen, meint Mieder wohl nicht zu Unrecht.
Ein ausführlicher Anmerkungsapparat und eine umfangreiche Bibliographie run-den diesen wichtigen Band ab, der neben dem wissenschaftlichen Informationswertauch durch den anregenden Stil des Autors, durch die ausgewählten Text- und Bild-beispiele außerordentliches Lesevergnügen bietet.
Eva Kausel
Nikolai Tolstoy, Auf der Suche nach Merlin.- Mythos und geschichtlicheWahrheit. Köln, Eugen Diederichs Verlag, 1987, 479 Seiten.
Mircea Eliade hat seinerzeit( in„ Les savants et les contes de fées", NouvelleRevue française, 3, 1956) geschrieben:„ Die Frage bei der Siegfried- Dichtung istnicht die, wie sie aus den verschiedenen Sagenbruchstücken und volksliterarischenMotiven entstanden ist, sondern wie aus einem historischen Prototyp eine Art mythi-sche Biographie werden konnte."
Tolstoy geht es jedoch darum, eine halb- mythische Gestalt zu einer historischenaufzuwerten. Das geschieht nicht ohne Geschick, wenn auch manchmal mit einerBesserwisserei, die zwar auf dem Boden großer Belesenheit steht, jedoch auch allesstillschweigend ausschließt, was der eigenen Hypothese widersprechen könnte.
Wir leben heute nicht mehr in einer Phase, in der man per Bausch und Bogen allegroßen archaischen Figuren für legendär erklärt, und auf Grund archäologischerAusgrabungen wurden selbst Gestalten wie Abraham als vermutlich geschichtlichePersonen angenommen.
Mit dem Unterfangen von Tolstoy, Merlin einen historischen Kern zu unterlegen,haben schon frühere Forscher etwas heraufzubeschwören versucht, was letztlichsicher eine gewisse Wahrscheinlichkeit erreicht, dem Sagen- Komplex um die Gestaltdes großen Zauberers jedoch eher abträglich bleibt.
Die Frage nach historischer ,, Wirklichkeit" mußẞ dort sekundär bleiben, wo Volks-erzählung und Dichtung die Aura einer Gestalt durchlichten und reflektieren. Ob
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