Das Gedenkbuch der Familie Reckendorfer in Matzen, Nieder-österreich. Eine lokal- und kulturhistorische Quelle. Bearb. und kommentiertvon Anton Hofer(= Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde der Univer-sität Wien, Bd. 11). Wien 1985, 173 Seiten, 4 Abbildungen.
Das ungebrochene Interesse, auf das die Alltagsgeschichte seit längerem stößt, hatauch die Suche nach einschlägigen Quellen intensiviert. Quellen, die über das All-tagsleben der„, kleinen Leute" vergangener Zeiten Aufschluß geben, sind allerdingsrecht rar. Archivalische oder literarische Quellen etwa, die aus der Sicht höhererSozialschichten über das„ Volk“ berichten, sind oft tendenziell gefärbt, und Auf-zeichnungen der Betroffenen selbst sind ausgesprochen selten. Nicht zuletzt deshalbhat in diesem Bereich die Oral- History große Bedeutung erlangt. Auch die Projekte,die zur heutigen Niederschrift vergangener Alltagsbewältigung ermutigen undermuntern- vgl. besonders Michael Mitterauers verdienstvolle Reihe„ Damit esnicht verlorengeht.." und Rudolf Schendas Winterthurer Projekt
gewichtiges neues Quellenmaterial bereitgestellt.
haben
Auf entsprechend großes Interesse darf deshalb derzeit jede Publikation rechnen,die Quellen zur Alltagskultur aus der Sicht der„ kleinen Leute" an die Öffentlichkeitbringt. Größere Quellenfunde sind hier im Privat- und Familienbesitz noch zu erwar-ten, vor allem in Form von Tage- und Anschreibebüchern. Der Umfang der hiernoch im Verborgenen schlummernden Quellen und die- allerdings recht unter-schiedliche Ergiebigkeit und Aussagefähigkeit dieser Quellen für verschiedeneWissenschaftsdisziplinen sind vor allem in Norddeutschland im Rahmen projektun-terstützter Sammelaktionen, Tagungen und Einzelveröffentlichungen schon untervielfältigen Aspekten ausgemessen worden¹.
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Mit Spannung und Interesse nimmt man deshalb auch die Edition eines bäuerli-chen Anschreibebuches, eines„ Gedenkbuches", in die Hand, das kontinuierlichüber 130 Jahre hinweg in einer Familie geführt worden ist. Das Gedenkbuch derFamilie Reckendorfer in Matzen im niederösterreichischen Weinviertel reicht von1811 bis 1940 mit seinen von den jeweiligen männlichen Hofbesitzern notierten Ein-tragungen über„, die Zeit der Witterung und Wachsthum in Wein wie in Korn undvon aller Fechsnung abgefechsneten Gütte..., wie sie sich Jahr für Jahr zutragen"( S. 74). Allerdings vermag der schmale Band die in ihn gesetzten Erwartungen nichtzu halten. Wie die Charakterisierung des ersten Schreibers es richtig angibt,beschränken sich die Niederschriften in der Tat vorwiegend auf das Wetter und dieAuswirkungen der Witterungen auf die Ernteerträge. Darüber hinausgehende Infor-mationen sind demgegenüber spärlich. So wird über den Viehbestand und dasGesinde des Hofes, über Familienangelegenheiten der Hofbesitzer oder alltäglicheEreignisse des bäuerlichen Lebens so gut wie nichts berichtet. Die„ große Politik"findet dagegen sporadisch durchaus ihren Niederschlag( umso befremdlicher muẞdabei die Zensur des Bearbeiters wirken, die den Bericht über das Kriegsjahr 1939unterdrückt, weil dieser„ für eine Veröffentlichung noch nicht geeignet" erscheint( S. 154). Überhaupt sind die Editionsgrundsätze und die Kommentare des Bearbei-ters relativ dubios. Auslassungen sind nur zum Teil, eigene Zusätze gar nicht gekenn-zeichnet( vgl. S. 21 und 154), und vor allem die Einleitung erscheint zum Teil eherkurios. So ist es zwar durchaus verdienstvoll, daß nach den Rubriken„, Angaben überdie Lebensverhältnisse“,„ Zur Wirtschaftsführung“,„ Hinweise auf Landespolitikund Weltgeschichte“ sowie„ Besondere Angaben“ Einzelpunkte, wie Nahrung,
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