Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Schließlich aber bildete Wien einen Schmelztiegel galizischer,ungarischer und sefardischer, orthodoxer und assimiliert- etablier-ter Juden. ,, Ost und West", wie sich die von Leo Winz 1901 gegrün-dete, von ihm selbst bis 1922 redigierte Illustrierte Monatsschriftfür modernes Judentum nannte, waren hier buchstäblich inner-halb eines Stadtterritoriums vereinigt, oder, wie es Leon Kolb for-mulierte:" There, the Jews considered themselves a people, like allthe other national groups that made up the rich cultural bouil-labaisse of the Empire.'

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Kommt man jedoch auf die Idee, österreichische Volkskundenicht nur mit den Namen Michael und Arthur Haberlandts oderLeopold Schmidts zu verbinden, sondern nach der Wiener jüdi-schen Volkskunde zu suchen, die etwa Schmidt in seinen Memoirenoder der Geschichte der österreichischen Volkskunde mit kei-nem Wort erwähnt, so denkt man bestenfalls an den jüdischenVolkskundler Krauss, nicht hingegen an den Kulturanalytiker desJudentums, Grunwald. Allerdings standen selten zwei Fachvertre-ter so diametral gegenüber wie diese beiden.

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Krauss, zu Lebzeiten als Pionier der erotischen und ska-tologischen Folklore, als Herausgeber der Anthropophyteia"( 1904-1913), ihrer Beihefte und zahlreicher anderer einschlägigenWerke heftig umstritten, genialer Zyniker und scharfer Beobach-ter, niemals in einen Wissenschaftsbetrieb integriert, der ihm sei-nen Lebensunterhalt hätte garantieren können, mag für alles ste-hen, nur nicht für eine Volkskunde der Juden. Bisweilen räumte erin den, Anthropophyteia 10 und in dem von ihm edierten Ur-Quell❝11 Beiträgen zur jüdischen Volkskultur Platz ein. Eine kurzeNotiz über ,, Die Fussspur"[ sic!] in der ,, Zeitschrift des Vereins fürVolkskunde gehört zu den wenigen Arbeiten, in denen er sich ein-mal ausschließlich mit jüdischen Quellen beschäftigte ¹². Vielmehrerweist sich seine Einstellung zur populären jüdischen Kultur wiezu ihrer Erforschung als äußerst diffus. Manchmal lassen hier seineeigenen Erhebungen zur erotischen Volkserzählung seine jüdischeHerkunft, aber auch sein Engagement erahnen, wenn er emotions-los, in distanzierter Sachlichkeit dafür aber umso wirkungsvollerimmer wieder den Finger auf die Wunde eines brutalen Antise-mitismus legte. Dies zeigt etwa sein Kommentar zur Erzählungüber einen Reisenden, der versehentlich auf die Damentoiletteging, von einem Beamten auf den Irrtum aufmerksam gemachtwurde und ihm unter Hinweis auf seinen entblößten Penis antwor-tete, ob dieser etwa nicht auch für Damen" sei:

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