Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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in die Praxis umsetzbare Wissenschaft verstand, die einem seinerTradition und Kultur entfremdeten westeuropäischen Judentumden Weg zur Selbstfindung ermöglichen sollte. 2. Er gründete 1898nach zweijähriger Vorbereitung in Hamburg die Gesellschaft fürjüdische Volkskunde" und gab von 1898 bis 1929 die ,, Mitteilungen( der Gesellschaft) für jüdische Volkskunde" heraus, die von 1923bis 1925 als ,, Jahrbuch für jüdische Volkskunde erschienen². 3. Erbrachte, nicht zuletzt gezwungen von der Not der Zeit, dem Antise-mitismus, und vom Desinteresse der nichtjüdischen volkskundli-chen Vereine und Gesellschaften³, den Mut auf, jüdische Volks-kunde als selbständige Disziplin und nicht als Teilaspekt einer allge-meinen Wissenschaft vom Menschen zu begreifen.

Der streitbare Dolmetscher. Friedrich Salomon Krauss und dasProblem einer jüdischen Volkskunde

Krauss, Grunwald, Alfred Landau( 1850-1935), Moritz Güde-mann( 1835-1918), Bernhard Wachstein( 1868-1935) oder der inWien verstorbene, jedoch schon seit längerem in Palästina ansäs-sige Chajim Nachman Bialik( 1873-1934), Schriftsteller, Folkloristund zeitweiliger Herausgeber der von 1914 bis 1920 in Odessaerschienenen volkskundlichen Zeitschrift, Reshumot" 4, sie alleergäben ein Potential von Gelehrten, das Wien zwischen der Jahr-hundertwende und 1938, als Grunwald nach Jerusalem emigrierenmußte, zur Hochburg und zum geistigen Zentrum der jüdischenVolkskunde in Mitteleuropa gemacht hätte und- mit Einschrän-kungen tatsächlich auch machte.

Der Historiker wird protestieren, wenn der Volkskundler For-scher wie Güdemann oder Wachstein für sich vereinnahmt. Dochdazu zwingen Institutionalisierung und Selbstverständnis der jüdi-schen Volkskunde. Güdemann etwa gehörte seit 1898 der Gesell-schaft für jüdische Volkskunde an.

Wien drängte sich zudem als Metropole der Habsburgermonar-chie für eine jüdische Volkskunde geradezu auf. Hier wirkte Sig-mund Freud, dessen Einfluß auf Krauss einer längst überfälligenUntersuchung bedürfte. Freud war Mitglied der Wiener Loge desB'nai B'rith- Ordens( U.O.B.B.), und anläßlich eines Gastvortragsvor dieser Vereinigung in Wien lernte Grunwald ihn kennen. In sei-nen Memoiren widmete er der Begegnung mit Freud( Bage-genishn mit Froydn) einen eigenen, sehr differenzierten, inner-halb der zahlreichen Freud- Biographien jedoch völlig unbekanntenAbschnitt.

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