Wiener jüdische Volkskunde
Von Christoph Daxelmüller
In seinen„ Merksprüchen für Folkloristen“, einem Meisterwerkdes wissenschaftlichen Zynismus und dennoch bis heute nicht ohnepraktischen Reiz, forderte Friedrich Salomon Krauss u. a.:
„ Dräng dich nicht in folkloristische Winkelvereine ein und haltkeine populärwissenschaftlichen Vorträge für hysterische Weib-lein, denn das ist der Weg, der zur Verflachung führt.
Gründe keinen Folklore- Verein und keine Folklore- Zeitschrift;denn damit vertrödelst du kostbare Lebenszeit, die du unter allenBedingungen fruchtbringender zu deiner Ausbildung in der Fachli-teratur verwenden kannst.[...]
Erwäge stets, daß die Menschheit einheitlichen Ursprungs ist.Ihre Laufbahn war überall im wesentlichen die gleiche von Anfangan; sie bewegt sich in verschiedenen geographischen Gebieten informell zwar verschiedenen, sachlich aber übereinstimmendenGeleisen und ihre Entwicklung war bei allen Gruppen( Völkern),soweit sie dieselbe Kulturstufe erreichten, von grösster Ähnlich-keit." 1
Wer die Kontroverse des Wiener jüdischen Folkloristen,Gerichtsdolmetschers, Sekretärs der Israelitischen Allianz, Profes-sors und Direktors an der Wiener Kriegsinvalidenschule, Dr. Fried-rich S. Krauss( 1859-1938) mit dem seit 1. August 1903 in Wien alsRabbiner tätigen Historiker und Volkskundler Dr. Max( Meir)Grunwald( 1871-1953) kennt, mag argwöhnen, daß diese dreiLeitsätze auf letzteren gemünzt gewesen sein könnten. Denn Grun-wald verstieß gegen alle drei von Krauss aufgestellten Regeln: 1. Erverschwendete viel Zeit auf die Volksbildung in zahllosen populär-wissenschaftlichen Vorträgen, weil er jüdische Volkskunde als eine
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