Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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In einem Anhang versucht er zu bestimmen, was eine Sage sei und wie Sagenerzählt werden. Hier spricht er das Problem des Aberglaubens und der Frage nachmodernen Sagenbildungen an. Von Interesse ist seine morphologische Analyse desSagenerzählens, Beobachtungen, wie die parataktische Aneinanderreihung und dieeinsträngige Form des Sagenaufbaus, direkte Rede, Wiederholungen und Formel-haftigkeit, die Baumgartner an Textbeispielen exemplifiziert.

Ein eher dürftiges und zufälliges Literaturverzeichnis versucht der Sammlung eine,, wissenschaftliche" Abrundung zu geben; inzwischen dürfte der Herausgebergemerkt haben, daß das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" nicht von,, K. Beth", wie bei ihm angeführt, herausgegeben wurde.

Weniger wäre mehr gewesen, könnte man über diese Sammlung schreiben, denneinige der hier versammelten Texte vermitteln durchaus ein, wenn auch notwendi-gerweise lückenhaftes Bild der regionalen Glaubensvorstellungen und Sagenüberlie-ferung; ihre unveränderte Wiedergabe und Inbezugsetzung zur Person des Erzäh-lers, biografische, lokalhistorische und motivvergleichende Anmerkungen hättenvielleicht einen Eindruck vom sozialen und psychologischen Stellenwert der Sagenwie auch vom volkskulturellen Wandel dieser Landschaft geben können. Ergän-zungstexte aus anderen Sammlungen hätten sich erübrigt- aber dann hätte es kein,, Sagenbuch" gegeben.

Leander Petzoldt

Wolfgang Eschker( Hg.), Der Zigeuner Glossar ::: zum Glossareintrag  Zigeuner im Paradies. BalkanslawischeSchwänke und lustige Streiche. Kassel, Erich Röth Verlag, 1986, 206 Seiten.Der Balkan bietet, wie bekannt, ein großes und vielschichtiges Reservoir anVolkserzählungen. Eschker, bereits durch seine mazedonischen Märchen als Fach-mann ausgewiesen, zeigt in diesem Band die drastisch- burlesken Seiten des Erzähl-guts der Balkanslaven. Slovenische, kroatische, bosnische, serbische, makedonischeund bulgarische Texte kommen hier zu einer eindrucksvollen Wirkung.( Es fehlenlediglich Texte aus dem Raum der jugoslawischen Ukrainer.)

Die Auswahl ist klug getroffen und die Texte sind vorzüglich übersetzt. Wir findenbei Eschker nicht nur einige international verbreitete Schwänke, sondern es gehtdem Autor vor allem um solche Geschichten, die etwas Landschafts- Typisches ent-halten. So begegnet man so kräftigen Geschichten, wie jener vom Mädchen, dasimmer furzte" oder Vom Kind, das Gott geholfen hat. Bei derlei Erzählungen fälltdas Lachen nicht immer leicht, denn sie halsen dem Leser oft eine bittere Wahrheitoder Gesellschaftskritik auf.

Aber jener Zug, den man in Mitteleuropa vielleicht als grausam" empfindenmag, wird auf dem Balkan, dessen Bevölkerung viele Greuel und schwere Leidenkennengelernt hat, nicht so empfindsam aufgefaßt.

Auffallend ist der antiklerikale Zug auch bei orthodoxen Geschichten

Nr. 37,, Weshalb der Pope ertrunken ist".

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wie

Bei anderen Erzählungen tritt das Charakteristische der Landschaft im Wechselder Personen oder Requisiten zutage. Der Schwank von dem, der einen Bären gefan-gen hat, wird im Serbischen durch einen Heiducken ersetzt.

Und typisch sind auch Schwänke, wie der Unheilkünder( Nr. 39 und Nr. 40),denen im Vergleich zu romanischen Parallelen der lustige Ausgang fehlt, so daßdiese Texte eher makaber wirken.

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