Jahrgang 
90 (1987) / N.S. 41
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Giovanni B. Bronzini, I Canti popolari Toscani" di N. Tommaseo.Lecce, Milella, 1985, 402 Seiten.

Der Schriftsteller Niccolò Tommaseo hat nicht nur toskanische, sondern auch kor-sische, griechische und slavische Volkslieder gesammelt und ediert. Als Philologedes 19. Jahrhunderts ist erstaunlich, mit welcher Akribie und wissenschaftlichemNiveau er seine enzyklopädischen Werke zu italienischen Synonymen und zur italie-nischen Sprache allgemein gestaltet hat. Die gleiche Präzision und Zuverlässigkeitfindet sich auch in seinen Volksliedsammlungen.

Es ist zweifellos ein Verdienst von Bronzini, sich nun ausführlich mit den einzelnenSammlungen zu beschäftigen. Seine Analysen berücksichtigen die verschiedenenGesichtspunkte von Sprache und Stil ebenso wie den psychologischen Hintergrundund die Unterschiede zwischen rustikaler und urbaner Funktion.

Im dritten Abschnitt des Buches vergleicht der Autor Aspekte der Volkslyrik mitsolchen der Kunstpoesie. Er zeigt dabei nicht nur das grundsätzlich Gegenteilige zwi-schen den beiden Bereichen, sondern er übersieht auch nicht die Grenzen undBezirke, in denen sich die Welt subjektiver Kunstbezeugung und traditioneller dich-terischer Äußerung vermischen oder überschneiden.

Der Abschnitt Glossario ist besonders aufschlußreich nicht nur für die farbigeBilderwelt, ebenso kommen die Erscheinungen der Wortmusik, an der die Toskanabeneidenswert reich ist, zum Ausdruck. Dieses Glossar ist jedoch gerade für denAusländer ein höchst wichtiges Hilfsmittel, viele Texte volkstümlicher Art zu verste-hen, die sich bisher höchstens aus dem Kontext erschlossen haben.

Im Anhang hat dann Bronzini etliche kritische Texte von Tommaseo ausgewählt,welche uns dessen Einstellung gegenüber volksliterarischen Gattungen zeigen. Esgeht dabei um Sprichwörter( De proverbi in generale), um volkstümliche Dichtungund Imitationen( Poesia del popolo e imitazione), um Grundsatzfragen zur Volks-liedsammlung und Volksliedforschung( De' canti popolari) und schließlich um dieFunktion von Volksliedern als Kinderlieder( Canti per il popolo e per i giovanetti).Das Buch erschließt sich nicht leicht, und eine zusammenfassende Bibliographiehätte seine Benützung erleichtern können.

Was einzelne Text- Deutungen angeht- so etwa die Ansätze zu Liedern auf denSeiten 194 und 195-, hätte sowohl Tommaseo wie Bronzini ein Blick auf spanischeVolkslied- Parallelen Aufschluß geben können. Italienische Volkslieder verschleiernmanchmal ihre Provenienz aus einer frühbarocken Atmosphäre, in der mancherTopos zwischen Italien und Spanien hin- und hergewandert ist. Und wie der kunst-vollen Metaphorik von Marino und von Gongora vieles gemeinsam ist- ohne daßman von einer Abhängigkeit sprechen könnte-, so finden sich auch im italienischenund( besonders) im katalanischen und valencianischen Volkslied deutliche Paralle-len.

Bronzinis Buch enthält viel Material und regt zum Nachdenken an.

Felix Karlinger

Geschichte, Botschaft und

Paul W. Wührl, Das deutsche Kunstmärchen.Erzählstrukturen. Heidelberg, Quelle& Meyer, 1984, 370 Seiten.Es handelt sich hier um ein vielschichtiges und umfangreiches Buch, das mutig ver-sucht, ein heikles Thema nicht nur innerliterarisch abzuhandeln. Problematisch

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